Archiv der Kategorie 'Unruhe'

Bericht aus Patra von Mittwoch, 10.12.08, 3 Uhr morgens

Ins Deutsch übersetzte E-Mail einer griechischen Freundin

Wie kann ich hallo sagen nach dem, was hier passiert ist? Diese verdammten Schweine…
Natürlich spricht niemand über Patra. Wer wird sagen, dass die Polizei Nazis zu Hilfe gerufen hat? Sie haben uns 2km lang gejagt! Und wir waren ungefähr 1000 unbewaffnete Leute. Oh, ich bin so wütend. Ich musste mit einigen anderen in ein Haus von einem in der Nähe flüchten, weil wir natürlich die letzten waren, die die Demo verlassen haben. Dort mussten wir 3 Stunden warten, ohne Licht im Dunkeln, weil wir (dank Handys) herausgefunden haben, dass die Faschisten, die Nazis (eine Neonazigruppe namens Golden Dawn) ganz Patra patrolliert haben, überall geklingelt und terrorisiert haben.
Verdammt noch mal, diese verdammten, dummen Arschlöcher, ich werde nie Worte für sie finden. Stell dir das nur mal vor, ok? 300 Faschisten und Nazis rennen 100m hinter uns, jagen uns, halten Messer in den Händen, werfen Steine, und hinter ihnen, wer wohl? Die Polizei mit Tränengas! Ich weine, während ich schreibe, weil ich nicht schlafen und nicht essen kann nach dem.
Was wir danach rausfanden:
1. Die Polizei hat Leute in Cafeterias verhaftet.
2. Die rechte Partei, also die Regierung, hat ihrer Jungendorganisation (Onned) den Auftrag gegeben, den Bastarden zu helfen.
3. Die Goldendawnists kamen mit Bussen aus Athen und dem ganzen Peleponnes, nur für uns (Patra spielt historisch eine große Rolle in der antifaschistischen Bewegung)
4. Der Premierminister versucht die Zustimmung des Europäischen Gerichtshofs zu bekommen um im Parlament ein Gesetz vorzuschlagen, dass jede Art von Demonstration verbietet. Übrigens, Morgen (also heute) ist der nationale Streik und es sollen große Demos stattfinden.
5. Viele hirnlose Politiker und Journalisten fangen an über die Notwendigkeit eine Intervention durch die Armee zu sprechen.. du weißt schon, Soldaten und Panzer in den Straßen (die selbe Art und Weise.. und fast gleiche Begründung wie die Diktatur vor 40 Jahren)

Jetzt zu dem, was davor war: Wir hatten eine Demo und haben danach versucht, das Stadtzentrum zu besetzen. Und wir haben es für 4 Stunden geschafft. Ich war mit denen, die Kreuzungen bewacht haben… Geheimpolizisten sind dreckige Angsthasen: sie konnten unsere Blicke nicht ertragen. Inzwischen erkenne ich sie von Weitem.
So viel Tränengas und Erstickungsgase.. von einem Punkt an konnte ich von ihnen nicht mehr als Menschen denken. Sie erscheinen wie Roboter.

Ich weiß nicht, was es noch zu sagen gibt… Nazis werden wahrscheinlich morgen in Athen auf Safari gehen..
Zu uns: 15 Leute verhaftet. Die wichtigste offene Raum (Parartima) und zwei weitere wurden nach der Jagd abgebrannt… rate mal, wer das war. Und die verdammte Presse sagt, dass es wütende, einfache Bürger waren, die uns gejagt haben. Das ist eine LÜGE.

Wie die Bürger reagiert haben:
Viele haben nur zugeschaut und sich den Kampf angeschaut, so als wäre es ein Zirkus oder eine Show… kein Kommentar.
Die meisten haben ihre Sympathie ausgedrückt, haben von Weitem gerufen.
Einige haben uns geholfen, mit Wasser, Medizin und Fluchtrouten.

Nein, ich bin nicht enttäuscht. Ich bin wütend. Das sind wir alle. Und obwohl dieses Gefühl nicht das beste ist um Entscheidungen zu treffen und trotzdem wir wissen, dass die Faschisten nach uns suchen, haben wir entschieden, morgen 10 Uhr zur Demo der streikenden Arbeiter zu gehen.
Wir sind nicht gescheitert, nur weil wir um unsere Leben gerannt sind oder nur weil es keine freien Räume mehr gibt. Was wir bis jetzt geschafft haben, ist das wahre Gesicht des Systems, das fälschlicherweise Demokratie genannt wird, zu enthüllen. In dem Moment, in dem sich der Faschismus bedroht fühlte, tauchte er wieder auf.

Die Nachricht, die du und alle wie du hören sollen, ist: Der Kampf geht weiter. Irgendwie werden wir zurückschlagen.

Kein Problem, wenn du den Text übersetzt und postest. Schreibe nur nicht meinen Namen: Ich denke, dass meine Gefühle in genügendem Ausmaß von der Bewegung geteilt werden, dass ein Name überflüssig wird. (Außerdem muss ich jetzt auch vorsichtig sein mit Namen)

Anticapitalista

Rebellion in Griechenland

RSO-Revolutionär Sozialistische Organisation 09.12.2008 23:02 von hier: http://de.indymedia.org/2008/12/235535.shtml

Drei Tage dauern nun die Proteste nach der Ermordung des Schülers Alexandros Grigoropoulos durch einen Polizisten. In der letzten Nacht hat die Polizei die Lage im Zentrum von Athen außer Kontrolle verloren. Für morgen ist ein Generalstreik angekündigt. Ein Kommentar zur aktuellen Situation und zu den Hintergründen…
Die deutschsprachigen Medien sprechen von 4000 so genannten „Autonomen“, die angeblich alles niederbrennen, was ihnen unterkommt. Das ist natürlich lächerlich, denn in Athen gibt es keineswegs so viele AnarchistInnen, ganz zu schweigen von den anderen Städten. Außerdem waren an den Auseinandersetzungen viel mehr Menschen beteiligt, vor allem (oftmals sehr junge) Jugendliche.

An den Demonstrationen haben sich Zehntausende beteiligt, teilweise wurde auch von den linksreformistischen Organisationen KKE und SYRIZA und von Organisationen der radikalen Linken dazu aufgerufen. Und auch viele ArbeiterInnen haben keine Illusionen in die griechischen Polizist(inn)en. Oft genug haben sie bei Streiks ihre Brutalität in Dienste von Regierung und herrschender Klasse bewiesen. Zu bekannt sind die folterartigen Zustände auf griechischen Polizeistationen, die oftmaligen gewalttätigen Übergriffe von Uniformierten gegen MigrantInnen, Jugendliche, Frauen, DemonstrantInnen etc. (mehr zur Repressionstradition des griechischen Staates im Artikel „Straßenkämpfe in Athen“ unter http://www.sozialismus.net//content/view/1014/1/).

Die BürokratInnen an der Spitze des Gewerkschaftsdachverbandes GSEE und der sozialdemokratischen PASOK spielen freilich die Rolle, die sie immer für das herrschende System einnehmen. PASOK will zwar die Gunst der Stunde nutzen (und fordert Neuwahlen), sorgt sich aber ganz staatstragend um Ruhe und Ordnung. Die Führung der GSEE hat die im Rahmen des morgigen Generalstreiks geplante Demonstration abgesagt, weil sie eine „Eskalation“ befürchtet. Die reformistischen Funktionäre arbeiten also wieder mal im Interesse des Establishments an der Befriedung der Situation.

In der Folge ist erstmal unklar, wie sich die Auseinandersetzungen weiter entwickeln werden, wie viel Atem die Protestbewegung der Jugendlichen hat. Nach Tage langen Demonstrationen und Kämpfen treten irgendwann auch Erschöpfung ein. Die Regierung und die Repressionsorgane stellen sich auf die Situation, von der sie zuerst überrascht wurden, ein und drohen bereits mit „größerer Härte“ (noch mehr Tote?).

Die entscheidende Frage wird sein, ob es gelingt, den Protesten eine weitergehende und breitere Perspektive zu geben, ob es gelingt, die Rebellion der Jugendlichen mit dem Streikkampf der „schweren Bataillone“ der ArbeiterInnenklasse in Produktion und Transport zu verbinden. Genau das versuchen die reformistischen BürokratInnen zu verhindern. Genau das wäre die Aufgabe von revolutionären/sozialistischen Organisationen. Die LinksreformistInnen von KKE und SYRIZA sind dazu nicht bereit. Ob radikalere Organisationen und Kräfte der Linken die nötige Stärke haben und zu einem gemeinsamen Vorgehen kommen können, ist gegenwärtig nicht absehbar.

Dass in Griechenland das Potential für eine soziale Explosion vorhanden ist, ist offensichtlich und hat vor allem zwei Gründe: Erstens war die ökonomische und soziale Situation in Griechenland für große Teile der Bevölkerung ohnehin schon schlecht. Viele Jugendliche haben nur miserabel bezahlte Teilzeitjobs ohne soziale Absicherung. Durch Inflation und Finanzkrise hat sich die Lage zuletzt noch verschlechtert. Dazu kommt eine Krise der ebenso korrupten wie arroganten Rechtsregierung von Kostas Karamanlis.

Zweitens gibt es in Griechenland eine lange Tradition von Rebellion und Widerstand, eine Tradition einer kämpferischen ArbeiterInnenbewegung und Linken, die bis heute fortwirkt. Das zeigte sich in den letzten Jahren in einer Reihe von Generalstreiks, StudentInnenprotesten etc.

Bericht aus Patra von Dienstag, 9.12.08

Ins Deutsche übersetzte E-Mail einer griechischen Freundin

Ich werde schnell schreiben, weil ich gleich wieder los muss. Eine Demo um 3 muss noch organisiert werden. Um 3 Uhr ist in Athen die Beerdigung des Jungen, der umgebracht wurde. (Die Selbstverteidigungsbehauptungen der Polizei und der Medien waren zu erwarten. Sie haben auch gesagt, dass der Polizist in den Himmel gezielt hat, aber die Kugel irgendwie klug genug war, die Brust des Jungen zu finden. Übrigens hat der Polizist 3 Kugeln geschossen. Ja, die Polizei könnte das mit Absicht provoziert haben)

Ich war in Patra, als alles anfing (Samstag Nacht), und habe entschieden, hier zu bleiben, weil a) ich die Stadt und ihre Straßen auswendig kenne und b) ich hier mehr Leute aus der anarchistisch-antifaschistisch-antiautortär-linken Bewegeung (nenn es, wie du willst) kenne. Seit Sonntag sind wir auf den Straßen.
Zuerst werde ich das „Wir“ erklären. Was ich damit meine, sind die Menschen, die auf die Straßen kommen und zu dem freien Raum, den wir seit Sonntag besetzt haben, und ich. [..] Dieses „uns“ verwende ich für die Massenbewegung und nicht um die Bewegung unter ein Label zu setzen oder die Unterschiede in den Ideologien und politischen Hintergründen derjenigen, die dabei sind, zu verwischen. Das ist es, was mich am meisten beeindruckt: Spontaneität. Ich benutze also das „Wir“, ohne damit zu meinen, dass wir alle übereinstimmen und wissen, was passieren wird, sondern meine damit, dass wir alle demonstrieren und diskutieren und zwei oder drei mal am Tag Entscheidungen treffen. [..] Unter uns sind Menschen, die wenigstens einen der folgenden Begriffe für sich akzeptieren: anarchistisch, antifaschistisch, antikapitalistisch, sozialistisch, antiautoritär, Schwarzer Block, kommunistisch, marxistisch, links (alle Richtungen), unabhängig, etc..

Jetzt, das Alter betreffend. Wir sind zum Großteil junge Menschen zwischen 20 und 30. Aber es sind auch Schüler dabei (seit gestern), Lehrer, Arbeiter (morgen ist ein Streik), und alte Leute (!!) – Omas und Opas, die natürlich nicht direkt mit der Polizei kämpfen, aber sie von ihren Balkons aus mit Blumentöpfen und Wasser bewerfen.
Zur Taktik: Da Patras Universität weit außerhalb des Stadtzentrums ist, haben wir einen freien Raum namens Parartima besetzt. Das ist ein Zweig der Uni, aber ohne des Uni-Asyl (Uni-Asyl heißt, dass Polizei Uni-Gebäude nicht betreten darf)… verdammt. Dieser Ort ist zum zentralen Punkt geworden, wo Diskussion geführt und Entscheidungen gefällt werden vor und nach den Aktionen, und er dient als Gegeninformationspunkt für alle. Dort treffen wir uns und tauschen auch Infos aus über die Geschehnisse in Athens, Thessaloniki, Volos, Giannena, Korinth, Crete und den Rest der 37 Städte, die „brennen“. Gestern nacht haben wir einen lokalen Fernsehsender besetzt und für die Menschen von Patra eine Powerpointpräsentation gezeigt und zur heutigen Demo aufgerufen.

Ängste:
1) Ja, wir haben Angst, weil die Dinge außer Kontrolle sind. Es kommen auch Hooligans und, um es milde zu formulieren, dumme Arschlöcher zu den Demos und zerstören einfach ohne Gewissen. Sie kommen nicht zu den Treffen, es ist ihnen egal, sie sind einfach Faschisten und viele von ihnen definitiv Polizisten (wir haben sie danach ins Polizeigebäude gehen sehen). Das Problem ist, dass wir sie während der Aktionen nicht identifizieren können, weil sie ihre Gesichter bedecken wie der schwarze Block. Unsere Ziele sind die Polizei (Autos und Gebäude), Banken und Presse. Ihre Ziele sind Läden (die brechen ein und gehen rein um zu stehlen, verdammt nochmal!) und normale Autos. Sie weigern sich darüber nachzudenken, dass ihre Handlungen gegen die Bewegung sind und Entschuldigungen und Argumente für Polizei und Staatsfaschismus liefern. Wir versuchen, sie zu isolieren, aber das ist schwer, wenn die Polizei uns jagt oder mit Tränengas beschießt… außerdem sind sie schwer bewaffnet (wo haben sie nur das ganze Zeug her?)
2) Ja, wir haben Angst vor dem, was passieren wird. Der Staat hat beschlossen, uns seine Zähne zu zeigen. 5 weitere Polizeibusse aus Athen sind letzte Nacht in Patra angekommen für die Demo heute. Es gibt Gerüchte, dass die Armee bereit ist und auf Befehle wartet für den Fall, dass ein nationaler Notstand verkündet wird.
3) Ja, wir haben Angst vor dem, was passieren wird: Veränderung oder Unglück? Welche Art von Veränderung? Was bedeutet Anarchie wirklich? Wird die Bewegung nach ein paar Tagen im Sande verlaufen? Können wir diese vielen Polizisten bekämpfen? Können wir uns beschützen? Letzte Nacht haben wir in Parartima drei Stunden lang diskutiert, 2 von meinen Freunden sind ohnmächtig geworden oder haben sich übergeben – Besorgnis, Angst. Wir haben keine Medikamente. Morgen muss ich meinen Ausweis als Medizinstudentin nutzen um Maalox (gegen Sodbrennen und ähnliches) und Augentropfen für das Tränengas zu besorgen. Die Menschen aus Patra helfen uns, aber sie haben auch Angst.
Und zum Konsens: überraschenderweise kommt er zustande. Es kann Stunden dauern in den Treffen, es kann nur ein Ruf sein auf den Straßen, aber yeah, wir sind noch zusammen.

Zu deinen Fragen: Es ist nicht nur eine wütende Reaktion. Da sind Potential und der Wille, etwas zu verändern. Da sind Wut und Fröhlichkeit. Da sind der Wille, zu zerstören, und der Wille, etwas neues zu bauen. Da sind Faschismus und Antifaschmus… grrr. Es ist schwer zu sagen. Wie wird der Staat reagieren? Wahrscheinlich dem Kapitalismus entsprechend. Was fehlt, das gebe ich zu, ist eine klare Vision… zu viel Rauch.

Es ist eine große Frage, wie zu kämpfen. Das Ziel rechtfertigt nicht die Mittel. Wir können keine faschistischen Wege verwenden um Faschismus zu bekämpfen. Was ist mit Gewalt? Manche Dinge sind so spontan, dass sie uns übernehmen, und dann… wir können nicht einfach zulassen, dass die Polizei uns verhaftet. Wir tun unser Bestes… wir machen Fehler… aber wir versuchen zu denken, Theorie zu benutzen, mit Aktionen. Manchmal schlägt es fehl, manchmal funktioniert es. Ich weiß, dass es danach (wann auch immer das meint) leicht sein wird zu bewerten, zu verstehen und zu kritisieren. Aber jetzt ist nicht viel Zeit.

Es gibt Fragen: Kann die Utopie einen Platz finden? Kann das Chaos Freund der Ordnung werden?

Ich muss jetzt gehen. Ich hoffe nur, dass wir euch stolz machen werden – dich und alle, die mit uns lächeln und unser „wir“ verwenden können.

Grüße nach Berlin
A.

Griechenland heute

Es ist momentan nicht möglich einen Bericht zu schreiben der umfassend über die Ereignisse in Griechenland informiert. Jeden Moment gibt es neue Informationen. Ich sitze in Deutschland und meine Quellen sind das Indymedia Athens, griechische Medien und telefonischer Kontakt. Da ich weit weg bin, ist dieser Bericht auf keinster Weise authentisch, habe alles aber so weit es ging „gefiltert“. Dieser Text ist also lediglich ein kleiner Baustein der Information. Würde gerne noch links zu Athens Indymedia-Artikeln liefern, die sind aber leider seit ca. einer Stunde offline.
Die Erschießung des 15 jährigen Alexis hat das ganze Land aufgebracht. Die Hintergründe zu den Vorfällen liefert der gute Artikel der hier auf Indy zu lesen ist.
Es ist wichtig zu verstehen dass es bei den Auseinandersetzungen und Mobilisierungen nicht nur um Aktionen bestimmter autonomer Kleingruppen geht, sondern dass ein sehr großer Teil der Gesellschaft richtig aufgebracht und wütend ist. Bei den Demonstrationen und teilweise auch bei den Angriffen, nehmen AnarchistInnen, Linksradikale, Linke, SchülerInnen aber auch deren Eltern und LehrerInnen und ganz viele andere Menschen teil. Der Zorn darüber dass ein Staatsbediensteter einen Jugendlichen nicht beschützt sonder erschießt ist ehrlich, weit verbreitet und im kulturellem Kontext der griechischen Gesellschaft zu verstehen. Mainstream-Medien und die Oposition sprechen von „Mord“, die Regierung befindet sich nicht nur auf der Straße, sondern auch politisch in der Defensive.

Heute fiel der Unterricht in den meisten Schulen des Landes aus, viele wurden Besetzt und es waren v.a. die SchülerInnen die selbst in Kleinstädten Demos zu den Polizeirevieren organisierten. In Dutzenden von Orten wurden die Wachen symbolisch angegriffen. Es lässt sich sehr schwer sagen wie viele Polizeiwachen ernsthaft (mit Molotov-Coctails) attackiert wurden. Es müssen über 10 sein. Morgen bleiben alle Schulen geschlossen, offiziell wegen der Trauer. Die Pressekonferenz auf der der Bildungsminister dies ankündigte wurde ebenfalls von einer SchülerInnen-Demonstration angegriffen.

Die Gewerkschaften der LehrerInnen, der HochschullehrerInnen und der BeamtInnen haben für die nächsten Tage Streiks ausgerufen. Für den Mittwoch war sowieso schon ein Landesweiter Generalstreik ausgerufen wurden. Die Insassen der Gefängnisse treten morgen aus Solidarität und Zeichen der Trauer in den Hungerstreik.

Jetzt grade findet in Athen zum dritten Abend in Folge Randale statt. Es fing mit einer Bündnis-Demo mit ca. 15.000 TeilnehmerInnen an. Die Zusammenstöße mit der Polizei gingen bald los, viele Banken, Supermärkte, staatliche Gebäude, Luxushotels u.ä. wurden beschädigt, verwüstet oder auch angezündet. Viele Gebäude stehen grade komplett in Flammen. Die „besseren“ Einkaufsstrassen der Stadt sind quasi zerstört. Mindestens drei Universitäten im Zentrum (Polytechnikum, Jura, ASOEE-Wirtschaft) sind besetzt und dienen als Rückzugsgebiete. Unzählige Gasgranaten der Polizei haben die Atmosphäre krass verwandelt, die Ärtztekammer hat eine Warnung ausgesprochen. An den Auseinandersetzungen nehmen Tausende teil, es wird von Aufstand geredet. Der Ministerrat hat bis eben getagt und hielt es für Nötig anzukündigen dass der Ausnahmezustand NICHT verhängt wird.

Auch in Ioannina, Patra, Thessaloniki, Larissa und auf Kreta gehen zu dieser Zeit die Auseinandersetzungen weiter. Ziele waren fast ausschließlich Gebäude der Polizei, Banken und Behörden. Die Polizei verhält sich z.Zt. noch eher defensiv und vermeidet den direkten Kontakt. Niemand weiß wie lange das noch der Fall sein wird.

Es gab in den letzten 3 Tagen einige Ingewahrsammnahmen und wahrscheinlich nur eine Verhaftung. Wie viele Verletzte es gibt lässt sich nicht sagen. Die Polizei schießt mit Gummigeschossen. Auch ein Polizist wurde schon schwerer verletzt.
Eine vollständige Aufzählung der zerstörten Läden, Banken, Autos etc. kann zu diesem Zeitpunkt nicht geben.

Morgen ist die Beerdigung des Jungen, die wohl die Form einer großen Kundgebung annehmen wird.
Am Mittwoch findet eine Großversammlung anlässlich des Generalstreiks statt, die Gewerkschaften wollen die anschließend geplante Demo nicht statt finden lassen.

Abschließend bleibt die Fragestellung ob die beschriebene Stimmung nach der spontanen Wut gegen die staatliche Repression so bleibt oder ob die Formen des Protestes doch am Schluss abschrecken werden.

Griechenland kommt nicht zur Ruhe

Nachdem vor zwei Wochen ein Hungerstreik in griechischen Gefängnissen beendet worden war und die Gefangenen und die Solidaritätsbewegung einen Erfolg verbuchen konnten, da von der Regierung die Entlassung tausender Gefangener in Aussicht gestellt wurde, gibt es im Land seid gestern Abend große Unruhen.

Ein Land in Bewegung

Griechenland ist in Bewegung möchte man meinen, wenn man die ständigen Ereignisse in der öffentlichen und der alternativen Presse liest. 5000 Gefangene haben bis vor zwei Wochen zunächst mit der Verweigerung des Gefängnisessens und danach mit dem Hungerstreik gegen das Elend der Gefängnisse und die Gleichgültigkeit des Justizministeriums gekämpft. . Einige hatten dabei ihren eigenen Mund zugenäht. Unter anderem wurde gegen die Haftbedingungen protestiert, die medizinische Versorgung, welche kaum vorhanden ist und zudem sitzt fast ein Drittel der Gefangenen sogar nur in Untersuchungshaft, die in Griechenland bis zu 18 Monate dauern kann. Immer wieder gibt es Proteste gegen die Regierung, im Oktober fand der letzte Generalstreik statt. Ausländer kämpfen offensiv für ihre Rechte , zuletzt halfen ihnen beider Verteidigung auch Autonome, als im Agios Panteleimon Rechtsradikale wahllos Migranten angriffen. Mehrere hundert Autonome eilten daraufhin den bedrängten Ausländern zur Hilfe.

Ursprünge in der Zeit des Widerstandes gegen die Obristenjunta

Die griechische Autonomenbewegung sieht ihre Ursprünge in der Zeit es Widerstandes gegen die Obristenjunta (1967-1974). Der Stadtteil Exarchia im Zentrum Athens ist sehr linksgeprägt, ausgerechnet hier ist gestern ein 15-Jähriger durch die Schüsse eines Polizisten zu Tode gekommen. Kurz nach dem Vorfall gingen viele Menschen auf die Straße, bewarfen die Polizei mit Steinen sowie Brandsätzen und zündeten Müllcontainer und Autos an. Die zum Großteil maskierten Demonstranten protestierten gegen die nach ihrer Meinung willkürlichen Polizeieinsätze und die konservative Regierung von Ministerpräsident Kostas Karamanlis. Schnell wurden es immer mehr Menschen, in den späten Abendstunden wurde unter anderem ein ganzes dreistöckiges Einkaufszentrum in Monastiraki total verwüstet. Die Bilanz der ersten Nacht in Athen lautet mindestens 60 zerstörte Geschäfte, 16 Banken und mindestens 40 Autos. Zeugen sagten, das die Zerstörung nicht wahllos gewesen sei. Während Bekleidungsgeschäfte und Banken zerstört wurden, wurde die große Anzahl der kleinen Imbissgeschäfte und Kneipen alle intakt gelassen.

Verschiedene Versionen um den Tod des Jugendlichen

Doch woher kommt dieser große Hass auf die Staatsgewalt. Im Vorfall um den getöteten Jugendlichen, welcher laut den Medien der Sohn eines bekannten Athener Schmuckhändlers gewesen sein soll gibt es unterschiedliche Versionen, welche durch verschiedene Presseorgane verbreitet wurden und deren Verschiedenheit anders nicht sein könnte. Nach Polizeiangaben hatte der getötete Jugendliche mit etwa dreißig anderen Autonomen in Exarchia einen Polizeiwagen mit Steinen beworfen. Ein Polizist sei aus dem Auto ausgestiegen, um die Jugendlichen aufzuhalten, und habe den 15-Jährigen mit drei Kugeln tödlich in der Brust getroffen. Der 37 Jahre alter Polizist, der den tödlichen Schuss abgegeben haben soll, bekräftigte, er habe lediglich drei Warnschüsse abgefeuert. Einer davon habe den Jugendlichen als Querschläger getroffen. Zuvor habe eine Gruppe Autonomer seinen Streifenwagen, in dem er zusammen mit einem Kollegen gesessen habe, mit Steinen und anderen Wurfgeschossen angegriffen. Die beiden Beamten hätten versucht, die Randalierer festzunehmen, hieß es. Nach Darstellung von Augenzeugen soll es jedoch nur zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den Autonomen und der Besatzung des Polizeiwagens gekommen sein. Anschließend habe der Polizist direkt in die Richtung des Jungen geschossen. „Es war kaltblütiger Mord“, meinte ein Augenzeuge gestern Abend im Radio. Andere Zeugenaussagen gibt es auch, die sagten, einer der Polizisten hätte eine Blendgranate gezündet, der andere Polizist daraufhin die tödlichen Schüsse abgegeben.

Innenminister bietet Rücktritt an

Auch die Politik beschäftigte der Vorfall noch gestern Nacht, der Innenminister Prokopis Pavlopoulos drückte sein tiefes Bedauern über den Tod des Jugendlichen aus und machte umgehend ein Rücktrittsangebot. Dies lehnte der Regierungschef Karamanlis ab, sprach aber ebenso der Familie des getöteten sein Beileid aus. Pavlopoulos beauftragte umgehend drei Staatsanwälte mit der Untersuchung der tödlichen Schüsse. Die linke Oppositionspartei Pasok verurteilte den Tod des Jungen und sah die Schuldigen bei den Verantwortlichen in Politik und Polizei. In einer Mitteilung versprach der Innenminister, die Verantwortlichen für den Tod des Jugendlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Griechischen Medienberichten zufolge wurden die beiden an dem Vorfall beteiligten Polizisten zunächst festgenommen und dann zusammen mit dem Chef der Wache in Exarchia vom Dienst suspendiert. Prokopis Pavlopoulos wies jedoch vorschnelle Schuldzuweisungen zurück und erklärte: „Wir warten auf die gerichtsmedizinischen Ergebnisse.“ Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen hieß es.

Unruhen weiten sich auf das ganze Land aus

Während die Justiz ermittelt, gibt es weiteren Proteste auf der Straße, Medien sprechen schon nicht mehr nur von Jugendkrawallen. Auch im nordgriechischen Thessaloniki wurden fünf Banken beschädigt, ein Polizeirevier angegriffen und eine Straße blockiert. 2000 Demonstranten versammelten sich in der Innenstadt von Thessaloniki und zogen zum Sitz des Regionalministeriums. In Patras wurde ein Polizeirevier mit Brandsätzen angegriffen, es gab Ausschreitungen. In Komotini und Ioannina, ebenso wie auf der Mittelmeerinsel Kreta kam es zu Krawallen. In Heraklion entstand an drei Bankfilialen Schaden durch Brandsätze. Polizisten versuchten die Lage unter Kontrolle zu bringen, Tränengas wurde eingesetzt. Es sei die schlimmste Bürgerunruhe in Griechenland seit 25 Jahren schreibt die Presse. In Athen wurde in der Nacht ein Gebäude der polytechnischen Hochschule besetzt, die Fassadenfenster des Rathauses zerstört und auch andere Universitätsgebäude der Hauptstadt wurden okkupiert. Etwa 2000 Menschen gingen in die Polytechnische Fachhochschule, wo der Kampf gegen die Diktatur in den 60er angefangen hatte. Eine entscheidende Schwächung erfuhr dort damals die Junta am 17. November 1973 durch den Aufstand der Studenten, der unter Einsatz von Panzern brutal zusammengeschossen wurde und das Regime innerlich und äußerlich diskreditierte. Die Sicherheitskräfte sperrten das Stadtzentrum von Athen ab und gingen gegen die Protestierenden vor. Autonome und andere Gruppen haben für Sonntagnachmittag weitere Proteste angekündigt, mehrere Aktionen sollen im Laufe der nächsten Tage im Ausland vor den griechischen Botschaften stattfinden.