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Stellungnahme von griechischen AnarchistInnen

von http://de.indymedia.org/2008/12/236213.shtml?

Die folgende Stellungnahme wurde herausgegeben von einer Gruppe griechischer AnarchistInnen und Antiautoritäre aus den südlichen Vororten von Athen. Das ist in dem Gebiet (Ag. Dimitrios), wo es die Übernahme des Rathauses gegeben hat. Die Übernahme, inzwischen von zweitägiger Dauer, (Stand 13.12.) hat nennenswerte lokale Unterstützung erhalten. Den Abend zuvor wurde eine Versammlung von 300 Menschen aus der Bevölkerung besucht. Die Übernahme wurde auch unterstützt durch eine Stellungnahme des Zusammenschlusses der Angestellten des Rathauses von Ag. Dimitrios und viele dieser Angestellten helfen das Rathaus vor einem Polizeiangriff zu schützen.
Stellungnahme der AnarchistInnnen

Am Abend des 6. Dezember 2008 zog ein Mörder seine Pistole und richtete kaltblütig einen Bürger hin, Alexandros. Das Tragischste an diesem Mord ist, dass der Mörder, Polizeibeamter von Beruf, einen 16-jährigen Jugendlichen tötete.

Der Vorfall lief in Exarhia ab, an der Kreuzung zwischen Tzavella und Mesologgie Straße. An einem Platz, wo jeder von uns gewesen sein könnte. Die Augenzeugen des Vorfalls sagen aus, dass dem Mord ein einfache verbale Auseinandersetzung vorausging. Aber der griechische Macho-Mörder konnte die Beleidigungen nicht aushalten und zog die Pistole. Die Hinrichtung war kaltblütig.

Dieser Mord ist weder ein Unfall, noch ein isolierter Vorfall. Es ist einmal mehr ein Bindeglied zu einer endlosen Serie mörderischer Angriffe verschiedener Polizeiabteilungen.

Lasst uns nicht den Mord an den pakistanischen Immigranten in der Petrou Ralli Street vergessen, als er in einer Schlange stand, um Asyl zu erbeten. (eine Schlange, die der Staat ihm selbst zugewiesen hat) Anmerkung: Vor einem Ausländeramt attackierte die Polizei Immigranten, ein 24 jähriger wurde tödlich verletzt) Lasst uns nicht vergessen, dass neulich eine Frau in Leukimmi ermordet wurde, während einer Aktion der MAT (griechische Polizeieinheit zur Aufstandsbekämpfung) gegen Protestierende gegen die XYTA Mülldeponie. (Ein 16-jähriger Motoradfahrer wurde mit Polizeiknüppel geschlagen, er verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug und fuhr eine 43jährige schwangere Frau um. Sie erlag einige Tage später ihren Verletzungen erlag) Bedauerlicherweise ist diese Liste endlos. Lasst uns nicht die Folter durch Polizeibeamte auf den Revieren und in Gefängnissen vergessen. Lasst uns nicht den mörderischen Einsatz von Ordnungmitteln, wie Tränen- Gas-, Blendgranaten, Schlägen und Schüssen bei Auseinandersetzungen vergessen, die während Streiks, Studenten – und lokalen Aktionen stattfanden. (Es ist nicht lang her als die Polizei das komplette Gebiet rund um dass KYT (Hochspannungswerk) abriegelte und gnadenlos NachbarInnen von uns zusammenschlug. Das ist ihre Aufgabe! Zusammenschlagen und Morden! Lassen wir uns nicht täuschen, dass es ihnen gelingt mit ihrer Parole durchzukommen „Wir und die Bosse sind das Gesetz, wer dagegen Widerstand leistet wird erbarmungslos zusammenschlagen.

Wer sind ihre Chefs? Sind es vielleicht die Aktionäre der Banken? Ist es der Präsident der Industrie- und Handelskammer? Sind es vielleicht die Aktionäre der Warenhausketten? Sind es vielleicht all die, die mehr Arbeit von uns verlangen, für weniger Geld und weniger Sicherheit? Sind es vielleicht die, die profitieren, sowohl von uns und von den Produzenten- durch Preise, die sie in den Supermärkten festlegen. Sind es die, die in fetten Jahren riesige Profite einstreichen und in härteren Zeiten die ArbeiterInnen entlassen und Löhne kürzen. Gut, dann ist es nur logisch, dass sich der Aufstand der Bevölkerung sich gegen die genannten Profiteure richtet. Sie reden über Materialschäden, während wieder einer mehr tot ist. Wenn Privateigentum, die einzige Sache ist, die sie interessiert, dann sind die, die sich auflehnen im Recht. Wir müssen begreifen, dass falls dieser Horror nicht auf das Gewissen Einfluss nehmen kann, der Geruch des Verbrannten notwendig ist.

Ist es möglich inmitten dem sich entwickelndem Aufstand, keine Stellung zu beziehen? Können wir auf der Seite derer stehen, die immer für Ordnung und Ruhe eintreten? Für die sogar während der Nazi-Besetzung und der Junta die einzige Sache war an ihre eigenen Belange zu denken und einfach ihr eigenes Leben zu leben. Die immer nur überall Provokateure erkennen von „unbekannten Bekannten“ sprechen? Die immer Verschwörungen hinter sozialen Bewegungen erkennen, die sie nicht kontrollieren können, gewohnt Anführer hinter geschlossenen Türen zu sein? Lasst uns nicht täuschen, dass jedes Mal die Ereignisse nur die „Streikenden“, die StudentInnen, oder „Jugendliche“ angehen. Diese Tage sind die Leute auf den Straßen, ohne zentrale Verwaltung, Unterrichtende oder erleuchtete Vortrupps

Jeder am Aufstand Beteiligte entscheidet frei über den Einsatz der Mittel. Das betrifft uns genau so wie die BewohnerInnen von Exarhia, die sich der sogenannten „Katz und Maus“- Fehde zwischen Anarchisten und Polizisten gegenübersahen und die sich positionierten. Das Wochenende über warfen sie Blumentöpfe von ihren Balkonen und verlangten den Rückzug der MAT-Einheiten und die Einstellung chemischer Kampfmittel (z.B. Tränengas) Sie bezogen Position, Sie nahmen einen Standpunkt ein gegen die staatliche Repression. Deshalb müssen alle von uns Stellung beziehen. Wir müssen aktiv unsere Verweigerung dem sich im Aufbau befindlichen Terrorregime und Polizeistaat entgegensetzen.

Kein staatlicher Mord bleibt unbeantwortet!
Freiheit für alle, die gefangen genommen wurden

Ruhig zu bleiben bedeutet Mittäterschaft!

“Αλεξανδρε Ζεις!” – “Alexandros, Du lebst!” … ein Hintergrundbericht zur Situation in Griechenland

Diesen Bericht habe ich hier gefunden

Den folgenden, recht persönlich gefärbten Hintergrundbericht zur Situation in Griechenland schickte uns gestern Marcel Bathis, ein Frankfurter Gewerkschaftsaktivist mit familiären Bindungen nach Griechenland. Er erklärt plausibel die anhaltende Wut der griechischen DemonstrantInnen auf Polizei und Staat und straft das haltlose Stottern aus den Kommentaren der deutschen “Leitmedien” Lügen. [..]

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

seit Tagen gehen Bilder aus Griechenland um die Welt die ein Land im Aufruhr zeigen und einen Staatsapparat der die Lage nicht mehr im Griff hat, weil die herrschende Klasse sehr wohl weiß das ein härteres durchgreifen eine noch härtere Gegenreaktion provozieren würde.

Ich habe im Griechischen (Privat)-Fernsehen die Augenzeugen gesehen die übereinstimmend gesagt haben, dass der Polizist gezielt auf die Gruppe jugendlicher Anarchisten geschossen hat und keinesfalls in die Luft bzw. auf den Boden wie er behauptet oder es ein “ballistisches Gutachten” der Polizei nun bestätigt. Diese Augenzeugen sehen allesamt aus wie griechische Normalbürger, also keinesfalls Mitglieder oder Sympathisanten der griechischen Anarchisten, die zahlreich in Exarchia (Ein linkes Szeneviertel im Zentrum Athens) wohnen. Selbst der griechische Staatspräsident Papoulias (Sozialist) spricht inzwischen von “Mord” und es geht eine Welle der Empörung durch das Land, deren sichtbarster Ausdruck die Zerstörungswut einiger Tausend Jugendlicher ist!

Es lag schon seit geraumer Zeit eine menge Benzin auf den Straßen Griechenlands und es brauchte nur eines Funken um ihn zu entzünden. Dieser Funken war die Ermordung des 15 jährigen Alexis durch einen Athener Polizisten, der im Kollegenkreis gerne auch mal “Rambo” genannt wurde und aufgrund seiner Blödheit wohl keinen anderen Job und aufgrund guter “Beziehungen” seiner Familie zu irgendeinem Politiker der ND oder der PASOK ein “warmes” Plätzchen im Staatsatsapparat fand und es ihm mit Loyalität und Wählerstimmen seiner Familie dankt.
Womit ich zu einem der Grundprobleme der griechischen Verhältnisse komme, der allgemein weit verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft, das sogenannte “Rousfeti” (Aus dem türkischen für “Geschenk). “Rousfeti” heißt nichts anderes, als das was üblicherweise in der Mafia läuft.

Der “Don” , der Pate (In diesem Falle ein mächtiger Provinzpolitiker oder sogar Parlamentsabgeordneter) verschafft seinen Anhängern einen ökonomischen oder beruflichen Vorteil und sichert sich damit die Loyalität derselben.
An der Spitze dieses Systems stehen seit 6 Jahrzehnten 3 Familien: Die Papandreous(”Sozialisten”), Karamanlis(konservativ) und die Mitsotakis(konservativ).

Mit Außnahme der Zeit der Militärjunta die von 1967-1974 herrschte und vom CIA gefördert wurde, hat (fast) noch niemand anderes Griechenland regiert. Auf diese Weise hat sich der Staatsapparat zum wichtigsten Arbeitgeber entwickelt und fast 50 % aller Beschäftigten arbeiten im öffentlichen Sektor (Verkehr, Verwaltung, Energie, Wasser, Erziehung, Sicherheit, usw.).
Wer einen Job im öffentlichen Dienst ergattert hat lebt zwar nicht üppig, aber immer noch besser als der Durchschnitt der Bevölkerung der sich mit 400-700€ im Monat durchschlagen muss.
So wie in Deutschland das Wort der “Generation Praktika” die Runde macht spricht man in Griechenland von der “700€-Generation”
Eine meiner Cousinen ist gelernte Krankenschwester und lebt als aleinerziehende Mutter in Thessaloniki und mus sich und ihre Tochter mit 800 € im Monat durchschlagen. Die Preise in Griechenland haben fast deutsches Niveau und viele Artikel sind sogar teurer als hier. 20 % der Bevölkerung leben unter der offiziellen Armutsgrenze und 23 % der Jugendlichen unter 25 Jahren sind erwerbslos,welches die höchste Quote in Europa darstellt.
Jede griechische Familie muss einen nicht unerheblichen Teil des Einkommens für “Frondistiria= Nachhilfeschulen” aufwenden damit die Kinder es durchs Gymnasium und durchs Lyzeum schaffen, bzw. die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten schaffen,weil der Zustand der staatlichen Schulen misreabel ist. Selbstverständlich wohnen diese jungen Erwachsenen in der Regel noch bei ihren Eltern und teilen sich mit ihren FreundInnen das Kinderzimmer, in denen sie aufwuchsen. Und wenn dann nach Jahren des zahlens und der teilweisen verschuldung der eltern die Sprösslinge es endlich geschafft haben einen Universitätsabschluss zu erreichen (Griechenland hat eine der höchsten Akademikerquoten in der EU) warten auf die jungen Akademiker schlechtbezahlte und prekäre Jobs die in nichts ihrem Ausbildungsstand entsprechen. Dies die Lage im Kleinbürgertum, oder unwissenschaftlich “Mittelschicht” genannt, die auch in Griechenland immer mehr zerieben wird und ins Proletariat abstürzt. Das Industrieproletariat selbst ,welches hauptsächlich auf dem Bau, den Werften und der Lebensmittel-und Textilindustrie arbeitet oder als Matrose oder Hafenarbeiter auf den zahlreichen Schiffen (die griechischen Reeder kontrollieren weltweit 25 % der Transportkapazitäten) arbeitet, sind vorallem diejenigen auf die sich die Aasgeier der bürgerlichen Gesellschaft stürzen. Es sind die Arbeiter die als einzige Steuern zahlen, weil sie keine Hinterziehungstricks anwenden können oder einen Kumpel im Staatsapparat haben. Während die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst von den Sozialdemokraten kontrolliert werden , sind es im “Privatsektor” hauptsächlich die Kommunisten die die Vorstände bilden und eine wesentlich militantere Gangart bei den Klassenauseinandersetzungen anschlagen!
In den griechischen Gewerkschaften werden Listenwahlen durchgeführt und jede politische Partei hat ihre eigene Liste. So kommt es, dass von 35 Vorstandsmitgliedern der griechischen Baugewerkschaft(mit ca. 100.000 Mitgliedern die größte Industriegewerkschaft) 27 Mitglieder der Kommunistischen Partei sind.
2-4 Generalstreiks im Jahr an denen sich ca. 50 % aller Arbeitnehmer beteiligen gehören seit Jahren zum Alltag.
Ob es um die Erhöhung des rentenalters, privatisierungen oder anderer “Wohltaten” geht, ständig erwehren sich die griechischen Arbeitnehmer ihrer Haut und verhindern durch ihren Widerstand das schlimmste!
Auf der anderen seite bereichert sich eine korrupte Qlique von Politikern und Kirchenfürsten schamlos und glänzt durch eine ganze reihe von Skandalen die für die Beteiligtgen IMMER folgenlos bleibt!
Noch drastischer als im Rest Europas geht die Schere zwischen arm und reich auseinander und das Vertrauen in die Institutionen (Staat und Kirche) schwindet bei einem immer größeren teil der Bevölkerung immer mehr!
Kaum eine Familie die nicht hoch verschuldet ist und sich mit mehreren Jobs über Wasser halten muss um Miete und täglichen lebensbedarf zu decken. Das ist die soziale Wirklichkeit im “Mutterland der Demokratie”, deren Bewohner sich täglich fragen wie oft sie noch betrogen,verarscht und ausgeplündert werden sollen von einer korrupten und inkompetenten Bande die ,die höchsten Staatsämter besetzt und kein einziges (Wahl)-Versprechen einhält.
Skrupellose Bodenspekulanten fackeln seit Jahren die griechischen Wälder ab und korrupte Minister und Behörden geben ihnen anschließend die Baugenehmigungen für Immobilienprojekte und halten fleissig die Hand auf um ihre Provision einzustreichen. Das dabei auch tausende griechischer Bauern ihre Existenzgrundlage verlieren juckt die herrschende Klasse recht wenig. Ein Arbeitsemmigrant mehr oder weniger fällt bei 7 Mio. Auslandsgriechen doch kaum ins Gewicht ,-)

Mir hat vor 6 Jahren ein junger Bauarbeiter, der gerade seinen Milirtärdienst ableistete und nebenbei erzählte wie die Kommunisten u.a Linke statt mit Daumen,Zeige und Mittelfinger(So wie die Orthodoxen ihr Kreuz machen) im Stile des “Faschistengruss” den Schwur aufs Vaterland ableisteten, lieber die Faust ballten und statt der griechischen Hymnee lieber die “Internationale” sangen! Was würde in Deutschland bei solchen Ereignissen geschehen ?
Ein Fall für den MAD!!! In Griechenland werden linksorientierte Soldaten auf einsame Inseln abkommandiert um dort das Vaterland zu schützen ;-) So kann es schon mal passieren dass von einer Einheit von 10 Soldaten auf einem ägäischen Außenposten von 10 Soldaten, 8 Mitglieder der kommunistischen Jugend, ein Linksssozialist und ein rechtsextremer ist (der die ganze zeit brav die Fresse gehalten hat weil er Angst hatte ins Meer gestoßen zu werden ) So erzählt von einem meiner Cousins der seinen Militärdienst auf einem Außenposten nahe der türkischen Grenze ableistete und davon berichtete wie ein Fischer,dessen Sohn seinen Miltärdienst auf dieser Insel ableistete, mit einer Gallone selbstgebrannten Schnapps versorgte während der einzige Faschist dieser Militäreinheit um sein Leben bangte ;-) ))

Womit ich zum Schluß meiner Ausführungen komme.

Sozialistische und kommunistische Ideen haben sehr tiefe Wurzeln im griechischen Volk und es gibt eine weit größere Empörung über die verblödeten schergen des Staatsapparates als über die Verwüstungen radikalisierter Jugendlicher. Selbst der Vorsitzende des Athener Einzelhänderverbandes hat erklärt:”Was sind unsere Sachschäden gegen den Tod eines Kindes ?”
Während ich sehen muss wie ein völlig verblödeter und reaktionärer Journalist des “ZDF” dem deutschen Publikum stotternd erklärt warum die griechische Polizei nicht auf das Universitätsgelände eindringen darf und etwas von “historisch bedingt…” daherfaselt, ohne zu sagen, dass am 17.11.1973 die Panzer der griechischen Militärjunta die proteste an der uni niederwaltzen und es ca. 80 Tote Studenten gab, erlebe ich gleichzeitig wie griechische Journalisten außer sich vor Empörung darüber berichten wie Bereitschaftsbullen wahllos auf Jugendliche und Passanten einschlagen die zufällig am falschen Ort auftauchten! DAS habe ich in deutschen Medien noch NIE erlebt!
Ich habe euch einiges vom Schatten der griechischen Gesellschaft geschrieben, aber neben dem schatten gibt es auch das Licht!

Lenin hat einmal geschrieben, dass das “Kettenglied des Imperialismus immer an seiner schwächsten Stelle reißt…!”
Nun sind ein paar zerbrochene Scheiben und ein paar ausgebrannte Geschäfte noch lange keine Revolution, aber die Kette ist an dieser Stelle schon verdammt korrodiert und brüchig geworden! In den 60 er Jahren war die Situation schon einmal ähnlich gefährlich für die herrschende Klasse und sie beantwortete ihre Notlage mit einer 7 Jahre währenden Miklitärdiktatur. Könnt ihr einen solchen Weg 100 % auschließen?

Ich schließe lieber keine wetten ab, sage aber, dass die Kapitalisten im “Notfall” IMMER zum Mittel der Diktatur greifen werden um ihre Herrschaft abzusichern!

Brief der Freunde von Alexis zur Beerdigung

Brief der Freunde von Alexi zu seiner Beerdigung

WIR WOLLEN EINE BESSERE WELT!
HELFT UNS
Wir sind keine Terroristen, keine „Kapuzenleute“ (Vermummte),
nicht die „bekannten Unbekannten“ (gemeint sind die von der Polizei gern
als „unbekannte Täter, die uns schon bekannt sind“ Bezeichneten),
WIR SIND EURE KINDER!
Sie, die euch bekannten Unbekannten …
Wir träumen — zerstört unsere Träume nicht!
Wir haben jugendlichen Elan — bitte zerstört nicht unseren Elan.

ERINNERT EUCH!
Auch ihr wart einmal Jugendliche.

Jetzt jagt ihr hinter dem Geld her,
euch interessiert nur noch das Äußere,
ihr werdet dick, verliert eure Haare,
HABT VERGESSEN!
Wir haben erwartet, dass ihr uns unterstützen würdet,
Wir haben erwartet, dass ihr Interesse zeigen würdet,
dass auch ihr einmal uns stolz machen würdet (eine Anspielung auf die
elterliche Forderung, ihre Kinder sollten sie stolz machen) .

VERGEBLICH!
Ihr lebt ein Leben in Lüge, habt den Kopf gesenkt,
ihr lasst euch ausnutzen (wörtliche Übersetzung: ihr habt die Hosen
runtergelassen, die Bedeutung ist, sich ausnutzen zu lassen) und ihr wartet
auf den Tag, an dem ihr sterben werdet.

Ihr habe keine Vorstellungskraft, ihr liebt nicht,
ihr seid nicht kreativ!
Das einzige was ihr macht ist verkaufen und kaufen.

ÜBERALL MATERIE
NIRGENDS LIEBE, NIRGENDS WAHRHEIT.

Wo sind die Eltern?
Wo sind die Meister (eigentlich „Künstler“ , doch es kann in diesem
Zusammenhang auch „Meister“ im Sinne von „die Eingeweihten, die
Intellektuellen“ gemeint sein)?
Warum kommen sie nicht heraus um uns zu beschützen?
MAN TÖTET UNS!
HELFT UNS

DIE KINDER

P.S.
Werft nicht noch mehr Tränengas nach UNS,
wir weinen schon von selbst.

Wir sind hier, wir sind überall, wir sind ein Bild von der Zukunft

11/12/2008
Initiative der Besetzung der “School of Economics and Business/Athens” auf http://tearsandangergreece.blogsport.de/

Wenn ich nicht brenne
Wenn du nicht brennst
Wenn wir nicht brennen
Wie wird sich die Dunkelhei erhellen?
(Nazim Hikmet, “Like Kerem”)

Vor Angst die Zähne zusammenbeißend heulen die Hunde: Zurück zur Normalität – das Fest der Narren ist vorbei.
Die Philologist_innen der Assimilation haben bereits ihre Zugeständnisse eingeschränkt:
“Wir sind bereits zu vergessen, zu verstehen, das Wirrwarr dieser wenigen Tage zu wechselns, aber nun benehmt euch oder wir holen unsere Soziolog_innen, unsere Anthropolo_gistinnen, unsere Psychiater_innen! Wie gute Eltern haben wir, wenn auch mit Hemmungen, eure emotionale Eruption toleriert – jetzt seht, wie Büros, Tische und Ladenfenster leer bleiben! Es ist Zeit zurückzukehren, und wer die heilige Pflicht verweigert soll hart getroffen werden, soll soziologiert, soll psychiatriert werden.”
Eine Weisung schwebt über der Stadt:
“Sind sie an ihrem Platz?”
Demokratie, soziale Harmonie, nationale Einigkeit und all diese anderen nach Tod stinkenden Dinge haben längst ihre ekligen Arme ausgestreckt.

Macht (von der Regierung zur Familie) soll nicht einfach den Aufstand und seine Generalisierung behindern, sondern auch ein Verhältnis der Subjektivierung schaffen. Ein Verhältnis das die Einflüsse vordefiniert, welches ein politisches Leben ist, eine Sphäre der Kooperation, Kompromisse und des Konsens.
“Politik heißt Konsens; der Rest ist Bandenkrieg, Riots, Chaos!”.
Das ist eine wahre Übersetzung von dem was sie uns erzählen, von ihren Bemühungen jede Aktion in ihrem kern zu delegitimieren, uns uns zu seperieren, zu isolieren von dem, was wir tun können: nicht zwei zu einem zu machen, sondern das eine immer wieder in zwei zu teilen.
Die Mandarinen der Harmonie, die Baron_innen des Friedens, der Stille, “Law and Order”, fordern uns zur Vernunft auf.
Aber diese Tricks sind Hoffnungslos veraltet, und ihre Misere ist offensichtlich in den dicken Bäuchern der Gewerkschafts-Bosse, in den ausgewaschenen Augen der Zwischenhändler, die wie Geier über jedem Widerspruch schweben, über jeder Passion zu Wahrheit.
Wir haben sie im Mai gesehen, wie sahen sie in LA und in Brixton, und wir haben sie Jahrzente lang dabei beobachtet, wie sie sich auf den mittlerweile weißen Knochen der Polytechnic 1973(Hauptort des Widerstandes gegen die Militärdiktatur..) ausruhten.
Wir sahen sie gestern wieder, als sie, anstatt den Generalstreik auszurufen, sich der Legalität beugten und ihre Demo absagten (sie fand trotzdem statt….)
Weil sie genau wissen, das der Weg zur Generalisierung des Aufstandes, der Insurrektion über das Feld der Produktion geht – über die Neubesetzung des Produktionsbegriffes dieser Welt, die uns zerstört.

Morgen ist ein Tag an dem nichts sicher ist. Und was kann befreiender sein, nach so vielen Jahren der Sicherheit, der Stabilität???
Eine Kugel hat es geschafft die Brutalität der ewig gleichen Tage zu brechen. Die Erschießung eines 15-Jährigen war der Moment, als eine Verschiebung stark genug war die Welt auf den Kopf zu stellen.
Eine Veränderung der Sichtweisen, von einem Tag auf den anderen:
“Das wars, kein Schritt weiter, alles muss sich ändern und werden es ändern!”.
Die Rache für den Tod von Alexandro wurde zur Rache für jeden Tag an dem wir gezwungen waren in dieser Welt aufzuwachen.
Und was so schwer schien erwies sich als so einfach.

Dies ist was passiert ist, was wir haben. Wenn uns etwas Angst macht, dann die Rückkehr zur Normalität. In den zerstörten Straßen unserer Städte sehen wir nicht nur die offensichtlichen Resultate unserer Wut, sondern auch die Möglichkeit, ein Leben zu beginnen. Wir haben nichts weiter zu tun als uns diese Möglichkeit anzueignen, dies in eine Lebenserfahrung zu wandeln:
Auf der Basis unseres täglichen Lebens, unserer Kreativität, unserer Kraft unsere Bedürfnisse zu materialisieren, unsere Kraft das Reale nicht zu verändern, sondern ein neues zu Konstruieren.
Dies ist unser vitaler Freiraum. Der ganze Rest ist tot.

Die, die verstehen wollen, werden dies.
Jetzt ist die Zeit aus den unsichtbaren Zellen die jede und jeden in ein pathetisches, kleines Leben zwängen.
Und das bedeutet nicht zwingend Polizeistationen anzugreifen oder Banken und Einkaufszentren anzuzünden.
Die Zeit das wir unsere Couches und unsere passive Lebensgestaltung hinter uns lassen und auf die Straßen gehen um zu reden, zu hören und alles private hinter uns zu lassen beinhaltet Beziehungen von der Kraft einer Atombombe.
Und dies liegt eben daran, das die momentane Fixierung auf den eigenen Microcosmos an die Kräfte der Atomtraktion gebunden ist.
Die Kräfte, die die (kapitalistische) Welt sich drehen lassen.
Dies ist das Dilemma: Mit den Aufständischen oder alleine.
Und dies ist einer der wenigen Momente, in denen ein Dilemma so absolut und real ist.

11/12/2008
Initiative der Besetzung der “School of Economics and Business/Athens”

Bericht aus Patra von Freitag, 12.12.08

Ins Deutsche übersetzte Mail einer griechischen Freundin

Zuallererst, lass mich etwas sehr Wichtiges klarstellen: Die Medien verbreiten keinen Eindruck von der Situation. Sie erzeugen Eindrücke. Ich erwarte nicht, dass irgendjemand mir glaubt und nicht den Medien, aber ich werde weiter schreiben, weil es keinen anderen Weg gibt.
Ok, ich verstehe, das Patra weder Athen ist noch Thessaloniki. Aber ich muss erwähnen, dass Menschen aus ganz Griechenland, die wir kennen, uns anrufen und fragen: „Was passiert da unten? Warum spricht keiner über Patra? Warum wurde Patra weggelassen aus der Karte von Griechenland, die zeigt, wo die Bewegung noch steht (in einer großen Zeitung, die als aufgeschlossen betrachtet wird)?“
Die Antworten sind:
1. In Patra wurde nicht ein einziger Laden zerstört
2. Patra ist nicht zerstört
3. Patra bietet keine Nahrung für diejenigen, die die Bewegung beschuldigen wollen.

Die Wahrheit ist, dass Patra beweist, dass die Bewegung tief ist. Gestern (Donnerstag) haben wir den ganzen Tag über im Stadtzentrum Flugblätter verteilt. Wir haben versucht, darüber zu informieren, dass Faschisten in unseren Straßen sind, und wir haben alle diejenigen, die der Presse glauben, eingeladen, einen Spaziergang durch Patra zu machen und selbst zu sehen, ob wir irgendetwas außer Banken, Läden einer bestimmten Handy-Firma (WIND), die vor Kurzem viele ihrer Arbeiter entlassen hat, und Regierungsgebäude zerstört haben.

Weißt du, ich werde nicht auf all die Anschuldigungen antworten. Ich werde nur das sagen:
Am Donnerstag dem 11.12 um 19 Uhr begann eine Demo, die berühmte Demo, zu der wir den ganzen Tag über aufgerufen haben, eine Demo mit 6000 Leuten (eine Anzahl, die Patra noch nie zuvor gesehen hat) und eine komplett friedliche Demo. Nicht mal eine Nase blutete. Zusammen mit dem Schwarzen Block. Und mit den Polizei-“Robotern“, die uns in geringem Abstand gefolgt sind und den ganzen Weg über provoziert haben. Aber nichts ist passiert.
Deswegen wird über Patra nicht berichtet. Weil Patra bewiesen hat, dass Chaos sich mit der Ordnung anfreunden KANN. Wir haben gestern gewonnen. Jetzt wissen die Bürger Patras, dass wir nicht gegen sie sind. Sie haben uns gesehen, sie haben unsere Gesichter gesehen, sie haben sich der Demo angeschlossen. Und unser Poster für heute, das gerade gedruckt wird, sagt: „Auf diesen Straßen, in dieser Gesellschaft geschieht die Rebellion; es ist keine Utopie.“ Und ruft auf zu Streiks, Schul- und Universitätsbesetzungen, Demos und Gegeninformation.
Patra, falls du dich erinnerst, ist die Hure. Sie ist eigentlich eine Rebellin undercover. Deswegen wird über sie nicht berichtet.

Natürlich gibt es noch einen extrem wichtigen Punkt, warum die 4. griechische Stadt auf der Karte der Medien nicht auftaucht: terrorisierende Faschisten und Geheimpolizisten. Der Staat muss seine Beziehung zum Parastaat verstecken, die hier mehr als offensichtlich ist.

Letzte Nacht, nach der Demo, haben wir uns in Parartima versammelt, um unseren Plan zu diskutieren. Wir werden versuchen, jetzt die Arbeiter zu erreichen. Ohne sie gibt es keinen Weg, den Kapitalismus an seiner Wurzel zu verletzen – der Produktion. Ohne die Arbeiter können sie uns töten, und das meine ich ernst.

Jetzt zu deiner Mail:
Ich denke nicht, dass das Adjektiv sozial das Politische ausschließt. Eigentlich sind soziale Kämpfe per Definition auch immer politische. Diese zwei Begriffe zu trennen, führt uns in eine ideologische Verwirrung, und genau das ist es, was der Kapitalismus macht, um uns zu verwirren. Eines der schönsten Dinge, die ich in diesen Tagen gelernt habe, ist, dass auf den Straßen die politischen Grenzen auseinander fallen. Wir (alle Menschen) KÖNNEN zusammen handeln. Ok, in den Diskussionen können wir uns erschöpfen durch das Reden und Brüllen gegen die Argumente der anderen, aber auf den Straßen sind wir zusammen als eins.

Zu deinen taktischen Fragen: wir benutzen nicht wirklich die selben Taktiken wie in Rostock (G8 2007), aber wir benutzen die selbe Logik und, daraus folgend, Methoden, die besser zu Patra passen. Zum Beispiel rufen wir viel.
Während der Demo gestern bog der erste Block in eine Straße ein und folgte der Route des Vortags, obwohl wir uns für eine andere Route entschieden hatten. Was passierte (ich war in der Mitte): Jemand vor mir bemerkte, dass der erste Block abbog (wir wir uns entschieden hatten, hätten sie gerade aus gehen müssen) und fragte: „Hey, sollten wir hier nicht gerade aus weiterlaufen?“ Sofort riefen wir WARTET! Ich bin nach vorne an die Ecke gerannt und habe noch einmal WARTET! gerufen. Dann sind 4-5 Personen vom ersten Block zurück an die Ecke gekommen und haben gefragt, was los ist. Die Antwort kam von den Menschen in der Demo hinter mir, die alle einen Slogan riefen, der sich auf den Platz, zu dem wir entschieden hatten zu gehen, bezog. Einer aus dem ersten Block sagte: „Warum? Wir können Samstag dorthin gehen. Heute ist es gefährlich.“ Natürlich hat man in Situationen wie dieser keine Zeit zum Diskutieren. Also habe ich gesagt: „Nein, wir gehen heute dorthin.“ In einem Ton, der – das gebe ich zu – keine weitere Diskussion zugelassen hat. Aber der erste Block kam schon zurück und stimmte all den Menschen von weiter hinten, die gerufen und ermutigt haben, zu. Also habe ich niemandem Befehle erteilt, sondern nur eine Entscheidung ausgedrückt, die ich von ganzem Herzen unterstützte. Endlich kam der erste Block zurück und lief natürlich weiter an erster Stelle. Übrigens, der erste Block erfindet die besten Slogans und Rufe… erfindet sie auf dem Weg und das begeistert mich immer wieder.
Weißt du, „Tu, was du nicht lassen kannst“ – das ist ein Motto, dass jeder a priori akzeptiert. Deswegen gibt es keinen Grund, zu versuchen, nett und höflich zu klingen mit den Ideen, die man vertritt. Jemanden anzubrüllen bedeutet nicht Disrespekt, es zeigt „es ist mir nicht egal, was du machst“ und es funktioniert.
Außerdem lerne ich der Spontaneität zu vertrauen. Das fühlt sich sehr wichtig an, weil es auch das Vertrauen unter Menschen verstärkt.

„Fuck the Police“ ist nicht der einzige Slogan. Es gibt noch viele mehr, jeden Tag werden neue erfunden, alte sind Klassiker wie „Die Leidenschaft für die Freiheit ist stärker als jeder Käfig“ oder „Bullen, Pressen, Neonazis arbeiten zusammen“ oder „Hey Leute, kommt schon, beugt nicht euren Kopf, der einzige Weg ist Widerstand und Kampf“ oder „Hey, ihr, die ihr am Rande steht, schließt euch an“ oder „Geschichte wird geschrieben durch Ungehorsamkeit“ …
Wie du sehen kannst, gibt es noch keine Slogans, die sich auf eine neue Gesellschaft beziehen. Es gibt noch keine Slogans, die von Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus oder irgendeiner Alternative zum Kapitalismus sprechen. Es ist zu zeitig. Es ist noch viel Zeit, also lass uns einen Schritt nach dem nächsten machen. Jetzt erstmal ist es wichtig, zu beweisen, dass Veränderung passieren kann, dass Rebellion mehr als ein Traum sein kann, dass wir zusammen gegen das System kämpfen können, dass wir zusammen diskutieren, singen, spielen und lachen können, egal was unsere Ideologien sind. Wir mögen das System nicht. Und wir haben Ideen… verdammt viele Ideen.

Und um Himmels Willen, ja, wir sind nicht perfekt. Wir bereuen schon Fehler. Aber wir geben nicht auf.

A.