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Ballistisches Gutachten belastet Polizisten

Gefunden bei tagesschau.de

Ein ballistisches Gutachten bringt den griechischen Polizisten in Erklärungsnot, der vor eineinhalb Wochen einen Schüler tötete. Der Schuss hatte die heftigen Unruhen in Griechenland ausgelöst. Die Proteste gegen den Tod des Schülers gingen unterdessen weiter.
Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
Die Kugel aus der Dienstwaffe eines Polizisten, die vor eineinhalb Wochen einen 15jährigen griechischen Schüler tötete, war ein Querschläger. Das ist das Ergebnis des seit Tagen erwarteten ballistischen Gutachtens.

Belastende Zement-Spuren

An dem Geschoss, so meldete das griechische Fernsehen, seien Rückstände von Außenverputz oder Zement gefunden worden, die von einer Ablenkung des Geschosses zeugen. Dieser Befund führt laut Staatsanwaltschaft zu der Erkenntnis, dass der Täter nicht, wie er bekräftigte, Warnschüsse in die Luft, sondern Schüsse in die Richtung des Schülers abgegeben hätte. Somit wird der angeklagte Polizist durch die Expertise belastet und nicht entlastet, wie es sein Rechtsanwalt vor einigen Tagen erklärt hatte.
Eine offizielle Erklärung seitens der Staatsanwaltshaft zum Gutachten gibt es nicht. Die griechische Justiz wird jetzt entscheiden, wann es zum Prozess gegen den 37jährigen Polizisten kommt, der derzeit in Untersuchungshaft sitzt.

Transparent-Aktionen auf der Akropolis

Unterdessen halten die Proteste gegen Polizeigewalt und Willkür in Griechenland an: Rund 50 Demonstranten haben auf der Akropolis ein Transparent mit dem Wort „Widerstand“ in Englisch, Spanisch und Deutsch aufgehängt. Mit einem zweiten Transparent riefen sie zu einem europäischen Soldidaritätstag auf. Er ist für diesen Donnerstag geplant, an dem für Athen bereits neue Proteste von Schülern, Studenten und Lehrern angekündigt sind. Die Transparente sind von zahlreichen Athener Stadtteilen aus erkennbar.

Karamanlis gesteht Fehler ein

Am Dienstag hatte sich erstmals nach Ausbruch der Gewaltwelle der griechische Ministerpräsident entschuldigt. Es sei sein Fehler gewesen, dass er die Versäumnisse und Skandale der letzten Jahre unterschätzt habe, sagte Kostas Karamanlis. Chronische Mängel des Staates hätten danach zu Zuständen im Land geführt, die nicht akzeptabel seien und für die er jetzt seinen Teil der Verantwortung übernehme. Wie diese Verantwortungsübernahme allerdings konkret aussehen soll sagte er nicht, sondern versprach lediglich – so wörtlich – „weitere Reformen“ einzuführen.

Neues aus Griechenland

Gefunden auf der deutschen Indymedia

Auch über eine Woche nach dem Tod Alexis Grigoropoulos ist kein Abruch der Proteste in Sicht. Nach einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage der Zeitung „Kathimerini“ sehen 60 Prozent der Griechen in den Unruhen nicht nur die Reaktion auf den Tod des Jugendlichen, sondern einen sozialen Aufstand und nicht einen als Exzess, einer kleinen Gruppe gewaltbereiter Krawallmacher, 76 Prozent waren zudem mit dem Verhalten der Polizei unzufrieden. Während dessen ist es auch die letzten Nächte erneut zu Ausschreitungen gekommen. Gerüchte in den Medien, italienische Anarchisten und Autonome seien nach Athen gekommen, wurden nicht von offizieller Seite bestätigt.
Situation am Sonntag – ein kurzer Einblick

Gegen 01.00 Uhr früh, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, ging die Polizei gegen Teilnehmer einer Mahnwache auf dem zentralen Syntagma-Platz vor, einige Jugendliche besetzten daraufhin die nahe gelegene Technische Universität und bewarfen die Polizei mit Steinen, wie es in den Medien hieß. Eine Polizeiwache im Stadtzentrum sowie mindestens drei Banken und mehrere Geschäfte wurden mit Brandsätzen angegriffen. Im Stadtzentrum und im Viertel Exarchia flogen Molotowcocktails, Menschen zertrümmerten Schaufenster und demolierten mit Vorschlaghämmern mehrere Bankfilialen. Die Polizei solle das Viertelverlassen, forderten Anwohner. Am Sonntag Mittag besetzten rund 30 Demonstranten der Organisation „Netz für Menschenrechte“ den Radiosender der Stadt Athen „Athina 984“. „Wir erleben etwas Großes“, sagte ein Sprecher, weltweit solidarisieren sich tausende Menschen mit uns. Die Besetzer sendeten die Internationale, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, und verließen dann den Sender wieder. In Thessaloniki gab es Auseinandersetzungen von rund hundert Jugendlichen mit der Polizei, bevor diese sich auf das Universitätsgelände zurückzogen. Auch in der Stadt Wolos in Mittelgriechenland kam es nach einer Protestdemonstration zu geringeren Unruhen, niemand wurde dabei verletzt. Auf der Insel Korfu und in den nordgriechischen Städten Serres und Xanthi sowie in der Hafenstadt Volos gab es Proteste gegen Polizeiwillkür, Korruption und Missstände im Bildungswesen. Zudem berichteten die Medien von Lasern, die von den Demonstranten in Athen eingesetzt würden, deren Strahlen gefährlich für die Augen seien und zum markieren und enttarnen von Zielen verwendet werden würden(youtube-link).

Situation am Montag – kurze Zusammenfassung

Erneut rankten sich die Gerüchte um eine Zusammenarbeit zwischen Polizei und Faschisten. In den frühen Morgenstunden des Montags soll einem Blog zufolge ein lokal bekannter Faschist die Besetzer des Rathauses von Chalandri in Athen mit einer Waffe bedroht haben und gezwungen haben, es zu verlassen. Später gab es dann eine neue Besetzung des Gebäudes. Am Montag morgen waren dann wieder „offizielle“ Proteste von Schülern angemeldet. Aus Kreisen der Aufstandsbewegung wurde angekündigt, dass der Druck der Straße andauern werde, bis die Forderungen nach Konsequenzen in der Regierung und einer neuen Wirtschaftspolitik erfüllt seien. Jugendliche kündigten abermals an, sie wollten in dieser Woche täglich auf die Straße gehen. So begannen hunderte von Studenten am Montag Montag wieder einen Sitzstreik und blockierten damit die stark befahrene Chaussee Alexandras. Die Versammelten stellen keine Forderungen und beschränken sich zunächst auf einen Schweigeprotest. Es wurden noch mehrere Stadtstraßen blockiert, darunter am Gefängnis Koridallos, in der Nähe des Gerichtsgebäudes und vor dem historischen Haus der Universität Athen. Bei einer Protestkundgebung vor einem Gefängnis sei mit Molotow-Cocktails geworfen worden, wie die Polizei mitteilte, diese setzte Tränengas ein. Weitere rund 100 Menschen nehmen an einer Kundgebung vor dem Bildungsministerium teil. Im Zentrum von Athen versammelten sich ca. 3000 Schüler vor der Polizeidirektion (Alexandras Avenue), die von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften geschützt werden musste, einige Demonstranten trugen Transparente mit der Forderung „Entwaffnet die Polizei“ oder „Sturz der Regierung“, wie das Fernsehen berichtete. Die Demonstration verlief zunächst ruhig. Auch vor dem Justizpalast war einiges los, dort sollten fünf der Festgenommenen, deren Zahlen schwankt immer noch zwischen 200 und 400 Personen, einem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Als einige wenige Aktivisten vor dem Polizeirevier die Polizei mit Mehl bewarfen, feuerten die Beamten erneut Tränengas und nahmen Menschen fest. Vereinzelt warfen die Demonstranten dabei Orangen oder Plastikwasserflaschen dagegen, auch Eier kamen zum Einsatz. Davor hatten einige Demonstranten den Polizisten Blumen übergeben. Eine Protestaktion einer Band auf der Propylon wurde von der Polizei eingekreist und mit Tränengas angegriffen, während diese spielte. Am Abend zogen rund 2500 Menschen durch das Zentrum Athens und protestierten wieder gegen die Polizeigewalt. Auch in anderen griechischen Städten gab es Demonstrationen. In einem Vorort von Thessaloniki besetzte eine Gruppe Jugendlicher das Rathaus in Ioannina und auch ein Radiosender soll dort kurze Zeit besetzt gewesen sein. Auf der Insel Lesbos drangen Demonstranten vorübergehend in die Räume des staatlichen Radiosenders „ERA-Ägäis“ ein und sendeten Parolen gegen die Polizei.

Kurze Einschätzung in der Politik

Oppositionschef Georgios Papandreou forderte erneut vorgezogene Wahlen. Seine Partei habe „in den vergangenen fünf Jahren eine konstruktive Haltung eingenommen“. Es habe sich aber gezeigt, dass sich die „Probleme nicht unter den Teppich“ kehren ließen. „Es reicht! Jetzt muss das Volk entscheiden“, sagte er im Fernsehen. Es sei ein Irrglaube, soziale Spannungen ließen sich durch eine erhöhte Polizeipräsenz abbauen. Aus solchen Trugschlüssen entstehe Gewalt. Neuwahlen seien daher unausweichlich. Grund für die gewaltsamen Proteste sei ein weit verbreitetes Gefühl der Perspektivlosigkeit, der Ungerechtigkeit und der sozialen Ungleichheit, wurde er weiter zitiert. Die Regierung habe Ausgaben für die Bildungspolitik gekürzt und sei tief in Korruption verstrickt. Außerdem sei die griechische Wirtschaft wegen fehlender Modernisierungen immer noch von Subventionen der EU abhängig. Der konservative griechische Europaabgeordnete und frühere Verteidigungsminister Giannis Varvitsiotis räumte ein: „Wir haben als Gesellschaft und als politische Parteien versagt, nicht nur im Bildungswesen.“ Die griechische Regierung veröffentlichte am Sonntagabend eine Erklärung. Darin heißt es unter anderem: „Alle Griechen, darunter auch die Jugendlichen, fordern Taten statt Worte. Die Regierung geht diesen schwierigen, aber verantwortungsvollen Weg.“ Petros Constantinou, einer der Organisatoren der Proteste und Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei, erklärte, die Proteste sollten über Weihnachten und Neujahr fortgesetzt werden, „bis dieses Regierung von Mördern geht“.

Die Proteste gehen weiter – ein kurzer Ausblick

Parteien und Gewerkschaften veranstalten in dieser Woche erneut Kundgebungen. Am Mittwoch um 18 Uhr wird die der KP nahe stehende Gewerkschaft PAME am Omonia-Platz eine Versammlung abhalten. Am selben Ort kommt es am Donnerstag um 12 Uhr sowie um 13 Uhr bei den Propyläen in der Panepistimiou-Straße zu weiteren Demonstrationen der Schüler. Am Freitag protestieren der Gewerkschaftsbund GSEE sowie die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst ADEDY vor dem Parlament. Wie bereits in der vergangenen Woche muss auch in dieser Woche wieder mit Generalstreiks in Griechenland gerechnet werden, teilte das auswärtige deutsche Amt mit. Es warnte auf dessen Webseite vor einem weiteren Streik am 18. Dezember 2008, der den Verkehr in Griechenland stark beeinträchtigen könnte. Obwohl die Touristenzentren derzeit nicht betroffen seien, sollten Urlauber in Griechenland sich von den Zentren der Auseinandersetzungen fernhalten und sich regelmäßig über die aktuelle Lage informieren. M Moment gibt es den Aufruf zu einer allgemeinen landesweiten Bildungskundgebung in Athen am kommenden Donnerstag, den 18. Dezember. Die Studentenorganisationen planen zunächst weiterhin, die von ihnen besetzten Universitäts-Fakultäten bis zum 19. Dezember in ihrer Gewalt zu halten. An fast allen Universitäten der Stadt liegt der Lehrbetrieb seit einer Woche lahm. Die Studenten bereiten sich ebenfalls auf Umzüge am Mittwoch und Donnerstag vor. Rund 600 Schulen waren nach Angaben der Demonstranten in Griechenland weiter besetzt, auch mehrere Universitätsgebäude in Athen und Thessaloniki seien betroffen, hieß es von Seiten der Demonstranten. Nach griechischen Regierungsangaben beläuft sich die Zahl der besetzten Schulen indes immer noch auf nicht mehr als hundert. Zudem gibt es in Griechenland sehr aktive Bauern, die sich seit Jahren über stetig sinkende Erntepreise beklagen, während sie mit ansehen müssen, wie die Früchte ihrer Arbeit im Einzelhandel immer teuerer verkauft werden. Bereits in der Woche vor den Todesschüssen am 6. Dezember fanden die ersten Warnsperrungen von Fernstraßen statt, mit weiteren Sperrungen ist im Moment jederzeit zu rechnen.

Einkaufssituation in Athen und ein Anwalt der nicht aufhört zu provozieren

Unterdessen gingen im Stadtzentrum Athens die Aufräumungsarbeiten weiter. Viele Geschäfte, die während der schweren Unruhen in der vergangenen Woche beschädigt worden waren, hatten am Montag wieder geöffnet. Auch ein neuer Weihnachtsbaum sollte heute Abend im Zentrum aufgestellt werden und beleuchtet werden und somit den Abgebrannten ersetzen, gab die Stadt Athen bekannt. Athens Bürgermeister Kaklamanis gab in Rundfunkinterviews mehr als 520 teilweise oder völlig zerstörte Einzelhandelsgeschäfte an. Die Einzelhändler beklagen sich, dass der Durchschnittsathener statt der Läden in der Innenstadt lieber die in Außenbezirken befindlichen Großkaufhäuser aufsucht, Hotels beschweren sich über Stornierungen. Der Rechtsanwalt Kougias des Todesschützen hat mittlerweile eine Entlassung seines Mandanten aus der Untersuchungshaft beantragt. Er berufe sich dabei auf das unbescholtene Leben seines Mandanten und auf fehlende Fluchtgefahr sowie den Ausschluss der Wiederholung einer ähnlichen Straftat.

Kostas Karamanlis entschuldigt sich

Zehn Tage nach Ausbruch der Aufstände, hat sich der Ministerpräsident Kostas Karamanlis nun für Versäumnisse in den letzten Jahren entschuldigt. Chronische Mängel des Staates hätten zu Zuständen geführt, die nicht akzeptabel seien. „Ich weiß, die Bürger sind gekränkt. Ich übernehme unseren Teil der Verantwortung“, sagte der Politiker und versprach weitere Reformen. Während Karamanlis im Parlament sprach, schleuderten einige Menschen mehrere Molotow-Cocktails auf die Anlagen des Hauptsitzes der Bereitschaftspolizei in Athens Stadtteil Kaisariani. Ein Bus und ein Streifenwagen brannten völlig aus, wie das Fernsehen zeigte. Verletzt wurde niemand. Eine Gruppe von rund 30 maskierten Jugendlichen soll für die tat verantwortlich sein. Am Gebäude und an Einsatzfahrzeugen sei Sachschaden entstanden, niemand sei verletzt worden, teilte die Polizei mit. In vielen Teilen Athens gab es auch heute wieder Sitzblockaden auf den Strassen. In der Nacht zum Dienstag waren wieder mehrere kleine Gaskartuschen vor drei Bankfilialen in Athen explodiert, wie die Polizei mitteilte. In Athen und in Thessaloniki kam es im Laufe des Tages dann erneut zu gewaltsamen Protesten gegen die Polizei, in Thessaloniki demonstrierten Menschen vor einem Gericht, in dem ein Urteil gegen griechische Polizisten gesprochen wurde.

Kritik an der medialen Öffentlichkeit

Einige deutsche Zeitungen haben mit ihren ständigen Berichten und Kommentaren über eine Teilung der griechischen Gesellschaft und deren mangelnden Solidarität nicht unbedingt zu einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung beigetragen. Die Frankfurter Rundschau berichtete von einem „Land im Bürgerkriegszustand“. Der Athener Stadtteil Exarcheia, ein von Anarchisten und Libertären geprägtes Viertel wurde, anhand von einigen Zeitungen, kurzerhand zu einer von Drogenbanden und politischen Hooligans beherrschten „No-Go-Area“. Die Frankfurter Allgemeine druckte anfangs eine Menge Kommentare ab, welche sich gegen die Protestbewegung richtete. Die Zeitung „Eleftheros Typos“ in Griechenland schrieb von einer „Intifada der 15-Jährigen“. Das Ausbleiben von Molotowcocktails hatte zunächst die griechische Hauptstadt aus dem Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gezogen. Vielleicht stürmten heute eben aus solchen Gründen eine Gruppe Demonstranten das Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders Net in Athen und unterbrach das Programm. In der Nachrichtensendung riefen sie die Zuschauer zur Beteiligung an den Protesten auf. Als der Fernsehsender Net gerade eine Rede von Regierungschef Kostas Karamanlis vor Abgeordneten seiner Partei Nea Dimokratia zeigte, unterbrachen die Demonstranten das Programm (youtube-link). Sie tauchten plötzlich eingeblendet für mehr als 20 Sekunden auf den Bildschirmen auf und hielten schweigend ein Transparent mit der Aufschrift „Hört auf fernzusehen und geht lieber auf die Straße“ hoch. Der Sender unterbrach nach einiger Zeit das Programm und sendete kurz Werbung. Über den Hintergrund der Unterbrechung wurden die Zuschauer zunächst nicht informiert. Etwa 40 Minuten später wandte sich Net-Chef Christos Panagopoulos an die Zuschauer. Der Sender sei Opfer einer „Invasion von kleinen Gruppen“ geworden, sagte er während eines Auftritts in den Nachrichten. Die jungen Leute hätten sich als Besucher in kleinen Gruppen Zutritt zu dem Sender verschafft und sich offenbar mit Fernsehtechnik ausgekannt. Sie hätten den Sendekontrollraum gestürmt und die dort arbeitenden Mitarbeiter hinaus getrieben, sagte Panagopoulos. Ein derartiger „Akt der Gewalt“ überschreite klar die Grenzen der Demokratie, fügte er laut den Medienangaben hinzu.

Solidarität und kein Ende in Sicht

Mittlerweile sind in Madrid 7 Jugendliche zu Haftstrafen verurteilt wurden weil sie auf einer Solidaritätsdemonstration festgenommen worden waren. Die Verurteilungen erfolgten wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Widerstand gegeben die Staatsmacht. Die Verurteilten werden demnächst, dem Anschein nach, nach Alcalá Meco oder Soto del Real ins Gefängnis gebracht. Währenddessen gingen die Protestaktionen in Europa und im Rest der Welt unvermindert weiter, mehrere Demonstrationen fanden und finden immer noch in Deutschland statt, doch auch diese bekommen im Moment weniger Aufmerksamkeit von den Mainstreammedien. Auch Sachbeschädigungen gab es erneut, in Berlin wurde ein Polizeigebäude angegriffen. Am 20. Dezember weltweit zu einen sogenannten „internationalen Aktionstag des Widerstandes“ aufgerufen.

Wir sind Hier, Wir sind Überall, Wir sind ein Abbild der Zukunft…

gefunden in der deutschen Indymedia

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11/12/2008
Initiative der Besetzung der “Athens School of Economics and Business“
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If I do not burn
If you do not burn
If we do not burn
How will darkness come to light?

(Nazim Hikmet, “Like Kerem”)

Ängstlich und mit zusammengebissenen Zähnen heulen die Hunde: Nun kehrt zur Normalität zurück – das Narrenfest ist vorüber. Die Philologen der Assimilation, graben schon ihre Messerscharfen Liebkosungen hervor: „Wir sind bereit zu vergessen, zu verstehen, die Promiskuität dieser wenigen Tage auszutauschen, aber nun benehmt euch, oder wir schicken unsere Soziologen, unsere Anthropologen, unsere Psychiater! Wie gute Väter haben wir mit Beherrschung euren emotionalen Ausbruch toleriert – nun schaut, die klaffende Leere der Schreibtische, Büros und Läden! Es ist Zeit zurückzukehren, und wer auch immer diesen heiligen Befehl verweigert, den soll es hart treffen, der soll soziologisiert werden, soll psychiatrisiert werden. Eine Anordnung schwebt über der Stadt: „Bist du an deinem Posten?“ Demokratie, soziale Harmonie, nationale Einheit und all die anderen grossen Herde, nach Tod stinkend, strecken sie bereits ihre leichenblassen Arme aus.

Macht (von der Regierung bis zur Familie) zielt nicht bloss auf die Unterdrückung des Aufstands und seiner Generalisierung, sondern auch auf die Produktion einer Subjektivierung. Eine Beziehung die die Lebensform (bios) definiert, also das politische leben, als Sphäre der Kooperation, des Kompromiss und Konsens. “Politik ist die Politik des Konsens; der Rest sind Banden-Kriege, Aufstände, Chaos.“ Das ist die wahre Übersetzung dessen was sie uns erzählen, von ihrer Anstrengung den lebendigen Kern jeder Aktion abzuerkennen, und uns zu separieren, zu isolieren von dem was wir tun können: nicht die Vereinigung von Zwei zu Eins, sondern das Eine immer, und immer wieder in Zwei zu reissen. Die Bürokraten der Harmonie, die Barone von Ruhe und Frieden, Gesetz und Ordnung, rufen uns dazu auf, dialektisch zu werden. Aber diese Tricks sind verzweifelt und alt, ihr Elend ist durchsichtig in den dicken Bäuchen der Handels-Union Bosse, in den ausgewaschenen Augen der Vermittler, die wie Geier über jeder Negation hocken, über jeder Leidenschaft für das Wirkliche. Wir haben sie im Mai gesehen, wir haben sie in LA und Brixton gesehen, und wir beobachten sie schon seit Jahrzehnten wie sie die langen nun weissen Knochen der 1973er “Polytechnic“ lecken. Wir haben sie gestern wieder gesehen, als sie, anstatt einen permanenten Generalstreik auszurufen, sich der Legalität beugten, und den Streik-Protest Marsch absagten. Denn sie wissen alle nur zu gut, das der Weg zur Generalisierung des Aufstands, durch das Feld der Produktion führt – durch die Besetzung der Produktionsmittel dieser Welt die uns nieder drückt.

Morgen bricht ein Tag heran, und nichts wird mehr das Gleiche sein. Was kann befreiender sein als dies, nach so vielen Tagen der Gleichheit? Eine Kugel war nötig, um die brutale Abfolge dieser Identischen Tage zu durchbrechen. Der Mord an einem 15 jährigen Jungen war der Moment, in dem eine Loslösung statt fand, stark genug um die Welt auf den Kopf zu stellen. Eine Loslösung von dem warten auf andere Tage, zu einem Punkt, an dem so viele gleichzeitig dachten: „Das war es, kein Schritt weiter, alles muss sich ändern, und wir werden es verändern.“ Die Rache für den Tod von Alex, wurde zur Rache für jeden einzelnen Tag, gezwungen in dieser Welt aufzuwachen. Und was so schwierig schien, stellte sich als simpel heraus.

Dies ist was passierte, und was wir haben. Wenn uns etwas Angst macht, dann ist es die Rückkehr zur Normalität. In den Zerstörungen und Plünderungen unserer ach so heilen Städte sehen wie nicht nur das offensichtliche Resultat unserer Wut, sondern auch die Möglichkeit zu leben zu beginnen. Uns bleibt nichts anderes mehr zu tun, als uns zu installieren in der Möglichkeit und sie in ein lebendes Experiment umzuwandeln: Angefangen beim alltäglichen Leben, unserer Kreativität, der Macht unsere Wünsche zu materialisieren, der Macht die Wirklichkeit nicht zu betrachten, sondern zu konstruieren. Dies ist unser lebenswichtiger Raum. Alles andere ist Tod.

Die die verstehen wollen, werden verstehen. Jetzt ist die Zeit, die unsichtbaren Zellen zu durchbrechen, die alle und jeden an ihre kleinen pathetischen Leben ketten. Und dies fordert nicht einzig oder notwendigerweise jemanden eine Polizei Station anzugreiffen oder Einkaufszentren und Banken abzufackeln. Die Zeit sein Sofa zu verlassen, die passive Betrachtung des eigenen Lebens, und auf die Strasse zu gehen, um zu sprechen und zu hören, alles private hinter sich zu lassen, sich zu involvieren in die sozialen Beziehungen; die destabilisierende Kraft einer Atombombe. Und dies ist genau, da die Fixierung eines jeden (bis jetzt) auf seinen Mikrokosmos wie an die Anziehungskraft eines Atoms gebunden ist, die Kraft, welche die (kapitalistische) Welt umkehren wird. Das ist das Dilemma: Mit dem Aufständischen oder alleine. Und dies ist einer der wirklich wenigen Momente, in denen dieses Dilemma so Absolut und so Real sein kann.

Was in Griechenland abgeht ist von oben gewollt

Leserbrief gefunden im Blog Schall und Rauch

In Griechenland hat es Tage lang nach einer richtigen Revolution ausgesehen. Der Auslöser war, dass ein 15-jähriger Schüler von einem Polizisten niedergeschossen und tödlich verletzt worden war, Zeugen (Erwachsene, nicht Jugendliche) sprachen von einem gezielten Schuss, während der Polizist und sein Kollege erst mal von Notwehr (der Jugendliche war nachweisbar nicht bewaffnet), dann von zwei Warnschüssen in die Luft gesprochen hat, wobei sich der dritte, tödliche Schuss aus der Waffe gelöst hätte, als er sie hatte ins Halfter stecken wollen. Der Querschläger habe dann leider den Jungen erwischt.
Der Polizist hat von seinen Kollegen den Beinamen „Rambo“ bekommen, weil er bekannt war/ist für seine rigourose Vorgehensweise.
Nach dem Tod von Alexandros kam es zunächst zu friedlichen Protesten von Schülern und Studenten, die gegen die hier bekannte Willkür und Brutalität der Polizeieinsatzkräften demonstrierten. Zwar hatten sie Spruchbänder mit Aufschriften wie „Polizisten – Mörder – Schweine“, es ist jedoch nicht zu Ausschreitungen gekommen.
Erst bei den Demos gegen Abend lösten sich junge Leute aus den Gruppen, alle ziemlich gleich mit dunklen Klamotten und den Kapuzen ihrer Sweat-Shirts über den Kopf gezogen, die zunächst die Polizeitruppen mit Steinen bewarfen. Die Polizeikräfte gingen mit Schlagstöcken dagegen an und nun mischten sich auch einige der Demonstranten ein. Der Großteil der vorher friedlich Demonstrierenden zerstreute sich jedoch, übrig blieben fast ausschließlich diejenigen mit den Kapuzen.
In der Nacht spitzte sich das Ganze erschreckend zu, es wurden Geschäfte und Autos in Brand gesteckt, ganze Straßenzüge nahezu zerstört – allerdings nicht nur in Athen, sondern auch in Saloniki, Patra, Volos, Larissa, …
Die Regierung legte sich in dieser Nacht ruhig schlafen und äußerte sich ebenso wie bei den Bränden nur mit salbungsvollen Worten.
In den nächsten Tagen kam es tagsüber ständig zu friedlichen Demos, nachts zu Unruhen und Zerstörung.
Nach der Beerdigung von Alex, an der Tausende Menschen teilnahmen – wieder Unruhen und Krieg zwischen „Kapuzenleuten“ und Polizeikräften.
Viele der Polizisten griffen zu ihren Waffen um in die Luft zu schießen, und das in den engen Straßen der Großstädte, wo hinter jedem Fenster Menschen wohnen.
Friedlich Demonstrierende wurden durchgeprügelt, z.B. ein paar Jugendliche, die sich demonstrativ halbnackt an die Stelle legten, an der Alex gestorben war. Von den „Kapuzenleuten“ hat nachweisbar keiner eine auf die Mütze bekommen.

Nach den letzten Skandalen, in die sowohl die Kirche als auch ein paar hohe Politiker verwickelt sind, haben hier viele Leute den Eindruck, dass die „Kapuzenleute“ von oberster Stelle bestellt worden waren, eben um für Unruhen und Chaos zu sorgen. Jetzt ist nämlich erst mal Ruhe um die Skandale, keiner fragt mehr danach. Und wir reden hier von Korruption, Geldwäsche, Grundstücksbetrug etc. auf höchster Regierungsebene.

Es ist zum Weinen, dass in vielen EU-Staaten die Meinung herrscht, die JUGENDLICHEN Griechenlands seien alle Faschisten und Anarchisten, nur weil eine definitiv kleine Gruppe von „Radikalen“ Furore macht. Man ruft nach härterem Durchgreifen gegen „die Jugendlichen“, nach Militäreinsätzen, nach mehr Kontrolle, nach nächtlichen Ausgangssperren (das wäre hier ohnehin kaum machbar, lieber würden sich die Griechen abschießen lassen) ….. und der Weg für die Durchsetzung des „Vertrags von Lissabon“, dieses EU-Vertrages, der die ganze EU in eine diktaturähnliche Staatenvereinigung stürzen wird, scheint immer näher zu rücken.

Auch heute sind wieder Kundgebungen, denn laut der gerichtsmedizinischen Untersuchungen sei angeblich bestätigt, dass sich der Schuss von selbst aus der Waffe gelöst habe. Der Anwalt der Polizisten ist ein Athener Staranwalt, der bestellt worden ist, nachdem die zwei ersten Anwälte ihre Verteidigung auf eigenen Wunsch abgegeben hatten.
Dieser Anwalt versucht nun ein Bild von Alexandros zu zeichnen, das einen mittelmäßigen und gewaltbereiten Schüler zeigt, belastet mit psychischen Problemen und im Ansatz anarchistisch. Sowohl die Mitschüler, die Freunde und sogar die Lehrer des toten Jungen widersprechen dem, doch dieser RA ist ganz offensichtlich durch seine politischen Verbindungen sehr stark.

Tja, so viel zu der kleinen Französichen Revolution in Griechenland.
Ich persönlich habe die innere Überzeugung, das die gewalttätigen Ausschreitungen organisiert, insziniert und von höchsten Stellen abgesegnet waren/sind. Mit Sicherheit geht die Korruption weit über die Landesgrenzen hinaus, das hat man ja bereits bei dem Siemensskandal sehen dürfen.
Und bei der Auftragsverteilung zum Bau der geplanten Straße durch Griechenland nach den Bränden 2007. Tja, auf einem der am schlimmsten betroffenen Gebieten ist in diesem Jahr ein Golfplatz errichtet worden – von britischen Investoren.
Den Rest kann man der jeweiligen Logik und Fantasie jedes Einzelnen überlassen.

In YouTube hat ein Grieche in seinem Profil die Grabesrede zur Beerdigung des 15-jährigen Alexandros veröffentlicht, die seine Freunde gehalten haben. Das ist ein Hilferuf an die Bevölkerung, sich nicht durch sozialen Rassismus der Marke „die Jugendlichen“ beeinflussen zu lassen.

[…]
Übersetzte Rede im Folgenden Artikel

Brief der Freunde von Alexis zur Beerdigung

Brief der Freunde von Alexi zu seiner Beerdigung

WIR WOLLEN EINE BESSERE WELT!
HELFT UNS
Wir sind keine Terroristen, keine „Kapuzenleute“ (Vermummte),
nicht die „bekannten Unbekannten“ (gemeint sind die von der Polizei gern
als „unbekannte Täter, die uns schon bekannt sind“ Bezeichneten),
WIR SIND EURE KINDER!
Sie, die euch bekannten Unbekannten …
Wir träumen — zerstört unsere Träume nicht!
Wir haben jugendlichen Elan — bitte zerstört nicht unseren Elan.

ERINNERT EUCH!
Auch ihr wart einmal Jugendliche.

Jetzt jagt ihr hinter dem Geld her,
euch interessiert nur noch das Äußere,
ihr werdet dick, verliert eure Haare,
HABT VERGESSEN!
Wir haben erwartet, dass ihr uns unterstützen würdet,
Wir haben erwartet, dass ihr Interesse zeigen würdet,
dass auch ihr einmal uns stolz machen würdet (eine Anspielung auf die
elterliche Forderung, ihre Kinder sollten sie stolz machen) .

VERGEBLICH!
Ihr lebt ein Leben in Lüge, habt den Kopf gesenkt,
ihr lasst euch ausnutzen (wörtliche Übersetzung: ihr habt die Hosen
runtergelassen, die Bedeutung ist, sich ausnutzen zu lassen) und ihr wartet
auf den Tag, an dem ihr sterben werdet.

Ihr habe keine Vorstellungskraft, ihr liebt nicht,
ihr seid nicht kreativ!
Das einzige was ihr macht ist verkaufen und kaufen.

ÜBERALL MATERIE
NIRGENDS LIEBE, NIRGENDS WAHRHEIT.

Wo sind die Eltern?
Wo sind die Meister (eigentlich „Künstler“ , doch es kann in diesem
Zusammenhang auch „Meister“ im Sinne von „die Eingeweihten, die
Intellektuellen“ gemeint sein)?
Warum kommen sie nicht heraus um uns zu beschützen?
MAN TÖTET UNS!
HELFT UNS

DIE KINDER

P.S.
Werft nicht noch mehr Tränengas nach UNS,
wir weinen schon von selbst.