Zu den Schüssen auf Riot Cops in Athen

ratz collective 06.01.2009 11:51 von http://de.indymedia.org/2009/01/238544.shtml

Hier kommt eine Übersetzung eines Postings von Indymedia Athen vom Tag nach den Schüssen auf die Bullen vor dem Kulturministerium. Wir teilen die Ansicht der Genossinnen, die den Text für Infoshop.org übersetzt haben: Ohne in die aufgestellte Falle zu tappen, sich nun von ALLER Gewalt zu distanzieren zu sollen spricht der Text darüber, wie der Staat diese Attacke zu nutzen vermag und wie die Sache von vielen Genoss_innen in der anarchistischen und weiteren antagonistischen Bewegung in Griechenland aufgenommen wird:
Athen: Waren die Schüsse auf den Riot Cop vom Staat choreographiert?

Der griechische Staat scheint einige seiner ältesten und dreckigsten Tricks rauszukramen, um wieder in die Offensive zu kommen. Zum Glück verfügt die Bewegung über eines der wertvollsten Vermögen – ein kollektives Gedächtnis. In den USA nannten sie es COINTELPRO, in Italien Strategie der Spannung, hier sind es einsame Schützen die von (tatsächlich: auf) genau den Räumen haraus schießen, die wir zu verteidigen suchen. Kein Vergeben, kein Vergessen, ihr werdet uns nicht einschüchtern…

Gegen 3 Uhr morgens wurde am 5.1.09 im Athener Bezirk Exarchia auf eine Einheit Riot Cops geschossen, die vor dem Kultusministerium postiert waren. Sie sprechen von mehr als 20 Patronen und einer Handgranate. Der verletzte Bulle sei, so sagen sie, nur von seinem Mobiltelefon gerettet worden, das die Kugel verlangsamt habe, welche seine Brust traf.

Unser erster Gedanke war, dass keine Person, die Teil unserer Bewegung ist – egal wie wütend sie ist oder wie sehr sie die Taktiken der Stadtguerilla unterstützt – sich ausgerechnet den, in den letzten Tagen buchstäblich unter Besatzung der Polizei stehenden, Bezirk Exarchia aussuchen würde, um solch eine Attacke auszuführen und anschließend sicher zu entkommen.

Daher können wir es nicht als Zufall ansehen, dass Massenmedien, Politiker_innen und ihre Lakaien eine Athmosphäre aufgebaut haben, dass irgendeine dynamische Racheaktion unmittelbar zu erwarten sei. Wir können die Möglichkeit natürlich nicht ausschließen, dass so was passiert – aber wir sind nicht so dumm zu glauben, dass es in Exarchia passiert, oder wie das Mal zuvor [die Schüsse auf den Polizeibus einige Tage vorher, anm.ü.] vom Unicampus Zografou aus. Der Staat hatte über sein mediales Sprachrohr die öffentliche Meinung schon auf eine „bevorstehende“ Aktion gegen die Polizei vorbereitet. Die Auswahl des Angriffsortes (das Kultusministerium in Exarchia) hat ihnen irgendwie die Suppe versalzen: Ein Angriff in dieser schwerstüberwachten Gegend verweist ganz klar auf Angreifer_innen, die nur vom Staat selbst kommen können. Es ist nicht der Rede wert festzustellen, dass diese Leute keine Skrupel haben, einen der ihren zu erschießen – darüber brauchen wir nicht nachdenken: Menschenleben bedeuten ihnen nichts.

Die Aktion zeigt, dass sie versuchen das gesellschaftliche Klima zu neutralisieren, das durch die kaltblütigen Ermordung von Alexis Grigoropoulos entstanden war, und es wieder zu schaffen, dass die Leute Mitleid mit der Polizei haben – die im Moment auf der Strasse so ziemlich für alles was sie tun bespuckt werden. Zur gleichen Zeit versuchen sie eine Atmosphäre der Gewalt und des Terrorismus zu schaffen für alle, die weiterhin auf alle möglichen Arten Widerstand leisten.

Die Wahl Excharchia, die unter den gegebenen Umständen keine bewaffnete Gruppe je treffen würde, stellt die notwendigen Assoziationen in den Köpfen der Gesellschaft her; sie befreit die Hände der Bullen und Richter für Verdächtigungen und Gewalt gegen das Soziale an sich… all das im Angesicht von grassierender Erwerbslosigkeit und Wirtschaftskrise.

Bereits jetzt gab es 75 Verhaftungen, viele Übergriffe der Polizei auf Bewohner_innen und Passant_innen in Exarchia und Hausdurchsuchungen – wie praktisch für sie.

Es kommen merkwürdige Tage auf uns zu; vor einer Weile hat die Regierung die Kontrolle verloren und antwortet nun mit voller Gewalt einer Art, auf die sie nahezu das Monopol hat.

Einer Gewalt außer Relation, die sich Mollies und Steinen gegenübersieht und mit Tonnen von chemischem Gas und Kugeln aus Plastik und Metall antwortet, die den wild Revoltierenden mit voll ausgerüsteten, militärisch ausgebildeten staatlichen Einheiten gegenübertritt.

Dem vorgesehenen Rechtsruck der Regierung (nicht, dass sie nicht ohnehin rechts gewesen wäre, doch rückt ihr konservativer Kern weiter zur extremen Rechten, die Rhetoriken und Taktiken der Repression werden härter) kann nur durch massenhafte Demonstrationen und gemeinsames Vorgehen gegen den Staatsterror begegnet werden. Mit den Antworten und Schlachten der Strasse, mit massenhaft Barrikaden. Mit politischen Worten, die von den Menschen und ihren Bedürfnissen sprechen; dass sie Herr_innen ihrer selbst sind, dass sie sich nur wegbewegen brauchen von der autoritären Führung der politischen Parteien, die das dringende Bedürfnis nach Befreiung von den Einschränkungen durch Staat, Vaterländer und Kapitalismus ignorieren.

Ohne übereilte Aktionen aber mit Blick in die unmittelbare Zukunft müssen wir in unseren öffentlichen Versammlungen Ideen und Vorschläge entwickeln, damit die Selbsorganisierung der Leute von unten sichtbar und möglich werden kann, dass sie leben kann – genau so, wie es viele von uns während der Dezemberrevolte erfahren haben.

Es gibt keinen anderen Weg – sonst schlagen sie uns nieder, einen nach dem anderen.

Wie sie wieder mal bewiesen haben, sind sie skrupellos.

Quelle: http://www.occupiedlondon.org/blog/

Inhaltliche Ergänzungen gibt es auch noch in den Kommentaren zum indy-Artikel