Bericht aus Patra von Dienstag, 9.12.08

Ins Deutsche übersetzte E-Mail einer griechischen Freundin

Ich werde schnell schreiben, weil ich gleich wieder los muss. Eine Demo um 3 muss noch organisiert werden. Um 3 Uhr ist in Athen die Beerdigung des Jungen, der umgebracht wurde. (Die Selbstverteidigungsbehauptungen der Polizei und der Medien waren zu erwarten. Sie haben auch gesagt, dass der Polizist in den Himmel gezielt hat, aber die Kugel irgendwie klug genug war, die Brust des Jungen zu finden. Übrigens hat der Polizist 3 Kugeln geschossen. Ja, die Polizei könnte das mit Absicht provoziert haben)

Ich war in Patra, als alles anfing (Samstag Nacht), und habe entschieden, hier zu bleiben, weil a) ich die Stadt und ihre Straßen auswendig kenne und b) ich hier mehr Leute aus der anarchistisch-antifaschistisch-antiautortär-linken Bewegeung (nenn es, wie du willst) kenne. Seit Sonntag sind wir auf den Straßen.
Zuerst werde ich das „Wir“ erklären. Was ich damit meine, sind die Menschen, die auf die Straßen kommen und zu dem freien Raum, den wir seit Sonntag besetzt haben, und ich. [..] Dieses „uns“ verwende ich für die Massenbewegung und nicht um die Bewegung unter ein Label zu setzen oder die Unterschiede in den Ideologien und politischen Hintergründen derjenigen, die dabei sind, zu verwischen. Das ist es, was mich am meisten beeindruckt: Spontaneität. Ich benutze also das „Wir“, ohne damit zu meinen, dass wir alle übereinstimmen und wissen, was passieren wird, sondern meine damit, dass wir alle demonstrieren und diskutieren und zwei oder drei mal am Tag Entscheidungen treffen. [..] Unter uns sind Menschen, die wenigstens einen der folgenden Begriffe für sich akzeptieren: anarchistisch, antifaschistisch, antikapitalistisch, sozialistisch, antiautoritär, Schwarzer Block, kommunistisch, marxistisch, links (alle Richtungen), unabhängig, etc..

Jetzt, das Alter betreffend. Wir sind zum Großteil junge Menschen zwischen 20 und 30. Aber es sind auch Schüler dabei (seit gestern), Lehrer, Arbeiter (morgen ist ein Streik), und alte Leute (!!) – Omas und Opas, die natürlich nicht direkt mit der Polizei kämpfen, aber sie von ihren Balkons aus mit Blumentöpfen und Wasser bewerfen.
Zur Taktik: Da Patras Universität weit außerhalb des Stadtzentrums ist, haben wir einen freien Raum namens Parartima besetzt. Das ist ein Zweig der Uni, aber ohne des Uni-Asyl (Uni-Asyl heißt, dass Polizei Uni-Gebäude nicht betreten darf)… verdammt. Dieser Ort ist zum zentralen Punkt geworden, wo Diskussion geführt und Entscheidungen gefällt werden vor und nach den Aktionen, und er dient als Gegeninformationspunkt für alle. Dort treffen wir uns und tauschen auch Infos aus über die Geschehnisse in Athens, Thessaloniki, Volos, Giannena, Korinth, Crete und den Rest der 37 Städte, die „brennen“. Gestern nacht haben wir einen lokalen Fernsehsender besetzt und für die Menschen von Patra eine Powerpointpräsentation gezeigt und zur heutigen Demo aufgerufen.

Ängste:
1) Ja, wir haben Angst, weil die Dinge außer Kontrolle sind. Es kommen auch Hooligans und, um es milde zu formulieren, dumme Arschlöcher zu den Demos und zerstören einfach ohne Gewissen. Sie kommen nicht zu den Treffen, es ist ihnen egal, sie sind einfach Faschisten und viele von ihnen definitiv Polizisten (wir haben sie danach ins Polizeigebäude gehen sehen). Das Problem ist, dass wir sie während der Aktionen nicht identifizieren können, weil sie ihre Gesichter bedecken wie der schwarze Block. Unsere Ziele sind die Polizei (Autos und Gebäude), Banken und Presse. Ihre Ziele sind Läden (die brechen ein und gehen rein um zu stehlen, verdammt nochmal!) und normale Autos. Sie weigern sich darüber nachzudenken, dass ihre Handlungen gegen die Bewegung sind und Entschuldigungen und Argumente für Polizei und Staatsfaschismus liefern. Wir versuchen, sie zu isolieren, aber das ist schwer, wenn die Polizei uns jagt oder mit Tränengas beschießt… außerdem sind sie schwer bewaffnet (wo haben sie nur das ganze Zeug her?)
2) Ja, wir haben Angst vor dem, was passieren wird. Der Staat hat beschlossen, uns seine Zähne zu zeigen. 5 weitere Polizeibusse aus Athen sind letzte Nacht in Patra angekommen für die Demo heute. Es gibt Gerüchte, dass die Armee bereit ist und auf Befehle wartet für den Fall, dass ein nationaler Notstand verkündet wird.
3) Ja, wir haben Angst vor dem, was passieren wird: Veränderung oder Unglück? Welche Art von Veränderung? Was bedeutet Anarchie wirklich? Wird die Bewegung nach ein paar Tagen im Sande verlaufen? Können wir diese vielen Polizisten bekämpfen? Können wir uns beschützen? Letzte Nacht haben wir in Parartima drei Stunden lang diskutiert, 2 von meinen Freunden sind ohnmächtig geworden oder haben sich übergeben – Besorgnis, Angst. Wir haben keine Medikamente. Morgen muss ich meinen Ausweis als Medizinstudentin nutzen um Maalox (gegen Sodbrennen und ähnliches) und Augentropfen für das Tränengas zu besorgen. Die Menschen aus Patra helfen uns, aber sie haben auch Angst.
Und zum Konsens: überraschenderweise kommt er zustande. Es kann Stunden dauern in den Treffen, es kann nur ein Ruf sein auf den Straßen, aber yeah, wir sind noch zusammen.

Zu deinen Fragen: Es ist nicht nur eine wütende Reaktion. Da sind Potential und der Wille, etwas zu verändern. Da sind Wut und Fröhlichkeit. Da sind der Wille, zu zerstören, und der Wille, etwas neues zu bauen. Da sind Faschismus und Antifaschmus… grrr. Es ist schwer zu sagen. Wie wird der Staat reagieren? Wahrscheinlich dem Kapitalismus entsprechend. Was fehlt, das gebe ich zu, ist eine klare Vision… zu viel Rauch.

Es ist eine große Frage, wie zu kämpfen. Das Ziel rechtfertigt nicht die Mittel. Wir können keine faschistischen Wege verwenden um Faschismus zu bekämpfen. Was ist mit Gewalt? Manche Dinge sind so spontan, dass sie uns übernehmen, und dann… wir können nicht einfach zulassen, dass die Polizei uns verhaftet. Wir tun unser Bestes… wir machen Fehler… aber wir versuchen zu denken, Theorie zu benutzen, mit Aktionen. Manchmal schlägt es fehl, manchmal funktioniert es. Ich weiß, dass es danach (wann auch immer das meint) leicht sein wird zu bewerten, zu verstehen und zu kritisieren. Aber jetzt ist nicht viel Zeit.

Es gibt Fragen: Kann die Utopie einen Platz finden? Kann das Chaos Freund der Ordnung werden?

Ich muss jetzt gehen. Ich hoffe nur, dass wir euch stolz machen werden – dich und alle, die mit uns lächeln und unser „wir“ verwenden können.

Grüße nach Berlin
A.