Griechenland heute

Es ist momentan nicht möglich einen Bericht zu schreiben der umfassend über die Ereignisse in Griechenland informiert. Jeden Moment gibt es neue Informationen. Ich sitze in Deutschland und meine Quellen sind das Indymedia Athens, griechische Medien und telefonischer Kontakt. Da ich weit weg bin, ist dieser Bericht auf keinster Weise authentisch, habe alles aber so weit es ging „gefiltert“. Dieser Text ist also lediglich ein kleiner Baustein der Information. Würde gerne noch links zu Athens Indymedia-Artikeln liefern, die sind aber leider seit ca. einer Stunde offline.
Die Erschießung des 15 jährigen Alexis hat das ganze Land aufgebracht. Die Hintergründe zu den Vorfällen liefert der gute Artikel der hier auf Indy zu lesen ist.
Es ist wichtig zu verstehen dass es bei den Auseinandersetzungen und Mobilisierungen nicht nur um Aktionen bestimmter autonomer Kleingruppen geht, sondern dass ein sehr großer Teil der Gesellschaft richtig aufgebracht und wütend ist. Bei den Demonstrationen und teilweise auch bei den Angriffen, nehmen AnarchistInnen, Linksradikale, Linke, SchülerInnen aber auch deren Eltern und LehrerInnen und ganz viele andere Menschen teil. Der Zorn darüber dass ein Staatsbediensteter einen Jugendlichen nicht beschützt sonder erschießt ist ehrlich, weit verbreitet und im kulturellem Kontext der griechischen Gesellschaft zu verstehen. Mainstream-Medien und die Oposition sprechen von „Mord“, die Regierung befindet sich nicht nur auf der Straße, sondern auch politisch in der Defensive.

Heute fiel der Unterricht in den meisten Schulen des Landes aus, viele wurden Besetzt und es waren v.a. die SchülerInnen die selbst in Kleinstädten Demos zu den Polizeirevieren organisierten. In Dutzenden von Orten wurden die Wachen symbolisch angegriffen. Es lässt sich sehr schwer sagen wie viele Polizeiwachen ernsthaft (mit Molotov-Coctails) attackiert wurden. Es müssen über 10 sein. Morgen bleiben alle Schulen geschlossen, offiziell wegen der Trauer. Die Pressekonferenz auf der der Bildungsminister dies ankündigte wurde ebenfalls von einer SchülerInnen-Demonstration angegriffen.

Die Gewerkschaften der LehrerInnen, der HochschullehrerInnen und der BeamtInnen haben für die nächsten Tage Streiks ausgerufen. Für den Mittwoch war sowieso schon ein Landesweiter Generalstreik ausgerufen wurden. Die Insassen der Gefängnisse treten morgen aus Solidarität und Zeichen der Trauer in den Hungerstreik.

Jetzt grade findet in Athen zum dritten Abend in Folge Randale statt. Es fing mit einer Bündnis-Demo mit ca. 15.000 TeilnehmerInnen an. Die Zusammenstöße mit der Polizei gingen bald los, viele Banken, Supermärkte, staatliche Gebäude, Luxushotels u.ä. wurden beschädigt, verwüstet oder auch angezündet. Viele Gebäude stehen grade komplett in Flammen. Die „besseren“ Einkaufsstrassen der Stadt sind quasi zerstört. Mindestens drei Universitäten im Zentrum (Polytechnikum, Jura, ASOEE-Wirtschaft) sind besetzt und dienen als Rückzugsgebiete. Unzählige Gasgranaten der Polizei haben die Atmosphäre krass verwandelt, die Ärtztekammer hat eine Warnung ausgesprochen. An den Auseinandersetzungen nehmen Tausende teil, es wird von Aufstand geredet. Der Ministerrat hat bis eben getagt und hielt es für Nötig anzukündigen dass der Ausnahmezustand NICHT verhängt wird.

Auch in Ioannina, Patra, Thessaloniki, Larissa und auf Kreta gehen zu dieser Zeit die Auseinandersetzungen weiter. Ziele waren fast ausschließlich Gebäude der Polizei, Banken und Behörden. Die Polizei verhält sich z.Zt. noch eher defensiv und vermeidet den direkten Kontakt. Niemand weiß wie lange das noch der Fall sein wird.

Es gab in den letzten 3 Tagen einige Ingewahrsammnahmen und wahrscheinlich nur eine Verhaftung. Wie viele Verletzte es gibt lässt sich nicht sagen. Die Polizei schießt mit Gummigeschossen. Auch ein Polizist wurde schon schwerer verletzt.
Eine vollständige Aufzählung der zerstörten Läden, Banken, Autos etc. kann zu diesem Zeitpunkt nicht geben.

Morgen ist die Beerdigung des Jungen, die wohl die Form einer großen Kundgebung annehmen wird.
Am Mittwoch findet eine Großversammlung anlässlich des Generalstreiks statt, die Gewerkschaften wollen die anschließend geplante Demo nicht statt finden lassen.

Abschließend bleibt die Fragestellung ob die beschriebene Stimmung nach der spontanen Wut gegen die staatliche Repression so bleibt oder ob die Formen des Protestes doch am Schluss abschrecken werden.